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Deutsche Erstaufführung: „Le Passé / Das Vergangene“ im Staatstheater Kassel

Hat jemand an die Kinder gedacht? Deutsche Erstaufführung: „Le Passé / Das Vergangene“ im Staatstheater Kassel

Als die Zuschauer den Saal des Staatstheaters betreten, spielen zwei Kinder auf der Bühne Verstecken. Das ist der vergnügliche Teil der Produktion „Le Passé / Das Vergangene“ nach dem Film von Asghar Farhadi. Intendant Thomas Bockelmann hat die Bühnenfassung von Felicitas Wolf inszeniert.

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Bedrohliche Schatten liegen über ihrem Leben: die Apothekerin Marie-Anne (Christina Weiser).

Quelle: Klinger

Kassel. Marie-Anne lebt in einem der problematischen Randbezirke von Paris und ist verheiratet mit Ahmad. Vier Jahre lang haben sie sich nicht gesehen, weil er aus Paris in den Iran flüchtete. Jetzt ist er wieder da, weil sie ihn dazu aufgefordert hat. Denn Marie-Anne will sich scheiden lassen von dem Intellektuellen. Sie lebt inzwischen mit Samir zusammen, einem Wäschereibesitzer. Die Kinder, die zu Beginn Verstecken gespielt haben, sind Lucie, Marie-Annes Tochter, und Fouad, Samirs Sohn.

Der musste mit ansehen, wie sich seine Mutter wenige Monate zuvor vergiftete, jetzt liegt sie im Koma. Filmemacher Farhadi hat ein feines Beziehungsgespinst gewoben, in dem sich alle verfangen haben, auch Lucie, Maries große Tochter, die rebelliert, und Naima, die Angestellte Samirs, die illegal in Frankreich lebt.

Große Fragen werden hier verhandelt. Fragen nach Schuld und Unschuld, nach den Folgen, die alle Handlungen nach sich ziehen. Wer hat wen verlassen? Hat jemand an die Kinder gedacht? Wie kommen wir wieder heraus aus dem Dilemma? Und vor allem: Wer trägt die Verantwortung an dem Selbstmordversuch der hintergangenen Ehefrau? Denn die Geschichte ist letztlich auch als Kriminalfall angelegt.

Bockelmann hat für die deutsche Erstaufführung seine Familie um sich geschart. Seine Ehefrau Christina Weiser spielt Marie-Anne, die Frau zwischen den beiden Männern. Und sie zeigt die Zerrissenheit ihrer Figur mit große Eindringlichkeit. Ihre rebellische Tochter Lucie wird verkörpert von Antonia Bockelmann, die in den Theaterhäusern, die ihr Vater leitete, zum Teenager geworden ist.

Christian Ehrich ist als Noch-Ehemann anfangs etwas blass, wird aber mit zunehmender Spieldauer immer präsenter. Eine solche Steigerung gelingt Artur Spannagel als aktueller Lebensgefährte Marie-Annes kaum, er bleibt eher unauffällig. Jürgen Wink bringt als Ahmeds Freund schillernde Akzente ein, die der Inszenierung gut tun. Vom Publikum heimst er dafür verstärkt Beifall ein.

Den meisten Applaus allerdings bekommen Lilli Ansorge und Elias Birkhahn, beide unter zehn Jahre alt, die erstaunlich routiniert die jüngere Tochter der Apothekerin und den Sohn des Wäschereibesitzers spielen. Für das Bühnenbild hat Etienne Plus einen Guckkasten entworfen, der an die Hochhaussiedlungen Pariser Vororte erinnern. Strahlend schön sieht das aus, viel zu strahlend für die Banlieuie.

Die nächsten Vorstellungen: am 11. und 18. Oktober um 18 Uhr, am 24. und 29. sowie am 4. und 27. November um 19.30 Uhr im Staatstheater Kassel, Du-Ry-Straße. Kartentelefon: 05 61/ 10 94-222.

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