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Falsche Freunde in der Aussteigeridylle

„Genannt Gospodin“ Falsche Freunde in der Aussteigeridylle

Eigentlich will Gospodin nur seine Ruhe, will nichts von den Zumutungen des Lebens wissen. Doch von allen Seiten bekommt der Aussteiger Druck. Am Ende erreicht er überraschend einen sicheren Hafen. Rasant setzt Tobias Mertke im Deutschen Theater in Göttingen Philipp Löhles „Genannt Gospodin“ in Szene.

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Gabriel von Berlepsch, Benedikt Kauff, Dorothée Neff.

Quelle: Thomas Müller

Göttingen. Ein Sofa, ein Fernseher, eine Tür: Das Bühnenbild (Johannes Frei) im DT X Keller ist spartanisch. Gospodin, von Benedikt Kauff hinreißend mit hochrotem Kopf gespielt, ist überfordert. Ständig soll er sich für etwas entscheiden, etwas tun. Wenn ihm die Dinge über den Kopf wachsen, läuft er panisch davon oder kippt einfach ohnmächtig um.

Die Freundin (bezaubernd: Dorothée Neff) drängt ihn dazu, etwas aus seinem Leben zu machen, Geld zu verdienen - und sei es als Austräger von Supermarkt-Beilagen oder als Bettler in Begleitung eines Mitleid heischenden Lamas. Und dann sind da die falschen Freunde, von Gabriel von Berlepsch in ständig neuen Kostümierungen gespielt. Sie nutzen Gospodins Gutmütigkeit aus. Pilot Andi drängt den Aussteiger etwa, an seiner Stelle zur Beerdigung eines Kollegen zu gehen. Norbert schwatzt ihm den Fernseher für eine Kunstinstallation ab und macht ihn prompt kaputt.

In die Enge getrieben entwickelt der Held von Löhles preisgekröntem Stück seinen Gegenentwurf zum kapitalistischen System, wo der Staat selbst - so Gospodins Wahn - Demonstranten zum Protestieren auf die Straße schickt. In der nach dem Auszug der Freundin leer geräumten Wohnung schreibt der Aussteiger seine Lebensgrundsätze, sein „Dogma“, mit Milch an die weiße Küchenwand: Er bleibt, wo er ist. Er verzichtet auf Geld und Besitz. Freiheit bedeutet, dass er keine Entscheidungen mehr treffen muss.

Doch mitten in die Aussteiger-Idylle, in der es sich Gospodin mit Werbezeitungen und Stroh gemütlich gemacht hat, platzt wieder einer der falschen Freunde herein: diesmal der Mafioso Hajo. Der Verbrecher, gerade auf der Flucht, drückt Gospodin eine Tasche voll geraubten Geldes zur sicheren Verwahrung in die Hand. Kurze Zeit später wird seine Leiche aus dem Fluss gefischt. Da sitzt der Kapitalismus-Kritiker, der das Geld hasst, auf einem Sack voller Scheine. Und als die Freunde das mitbekommen, umlagern sie ihn. So steigert sich das 2007 uraufgeführte Stück über einen Verlierer bis zum überraschenden Finale. Gospodin findet sein Paradies an einem unerwarteten Ort.

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