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Die Brasilianisierung erreicht Deutschland

Literarisches Zentrum Göttingen Die Brasilianisierung erreicht Deutschland

Radiologe, Fotograf, Goethe-Institutsleiter – drei Männer deren Jobs unterschiedlicher kaum sein können, die dennoch denselben Auftrag verfolgen: sich ein Bild machen. Über ihre Arbeit und ihre Beweggründe haben am Montag, 8. Juni, Friedemann Baum, Peter Heller und Stephan Hoffmann im Literarischen Zentrum Göttingen gesprochen.

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Spezialisten für Bilder: F. Baum, S. Hoffmann und P. Heller mit Moderator P. Krüger-Lenz (v. l.) .

Quelle: SPF

Drei Männer, drei Sichtweisen: Friedemann Baum, der Radiologe vermag in das Innerste des Menschen zu blicken. Was der Spezialist für Brustkrebsdiagnostik per Ultraschall, Kernspintomografie oder Röntgenstrahl sieht, ist nicht immer positiv, was für ihn aber nicht heiße, dass die Bilder nicht ästhetisch seien. Es gebe Karzinome, deren Bild einem Heliumausbruch auf der Sonne gleiche. „Das sieht wunderschön aus, ist aber nicht gut.“ Häufig schaut Baum mit seinen Patientinnen vor der Untersuchung so ein Bild an. Sein Standardsatz: „Ich zeige Ihnen, was wir suchen, aber wir werden zum Glück nichts finden.“ Denn auf 1000 Frauen kämen lediglich zwölf mit bösartigem Befund.

Über Leben und Tod entscheiden die Bilder von Peter Heller nicht. Obwohl der Fotograf häufig traurige Schicksale mir der Kamera festhält. Bei einem Unfall auf der Autobahn steckt hinter dem Bild immer eine persönliche Tragödie. Ob er auch ein Helfersyndrom habe, will der Radiologe von Heller wissen. Nein, habe er nicht, als Ersthelfer sei er allerdings schon häufig an einem Unfallort gewesen. Aber: „Ich mache Bilder, um mir die Welt zu erklären“, sagt Heller. Der Kunsthistoriker ist als Quereinsteiger zur Fotografie gekommen und seit 20 Jahren dabei geblieben. Das Interesse für Bilder sei schon vorher da gewesen, allerdings nicht als Option für den Beruf. „Für meine Eltern habe ich immer die Urlaubsfotos gemacht.“ Fasziniert hat ihn vor 30 Jahren eine Fotozeitschrift mit Bildern des Schweden Christer Strömholm, die die dunkle Seite des Lebens zeigen. So etwas wollte Heller auch machen. Jetzt bedauert er, dass der Blick hinter die  Kulissen immer schwieriger wird.

Ein Quereinsteiger ist im Grunde auch Stephan Hoffmann. Von Haus aus Jurist, ist er auf Umwegen zum Goethe-Institutsleiter geworden. Bevor er im vergangenen August nach Göttingen kam, lebte er mit seiner Familie neun Jahre in Brasilien. Dort sollte er den Menschen ein Bild von Deutschland vermitteln. Bei seinen Urlaubsbesuchen in der Heimat musste er sein Deutschlandbild immer wieder gerade rücken. Denn auch hier habe sich viel verändert. Hoffmann spricht von einer Brasilianisierung Deutschlands: „Vieles ist lockerer geworden.“ Der Blickwinkel verändere sich, wenn man so lange im Ausland lebt. „Man kann sich neben sich stellen und spürt, so geht es Ausländern, die nach Deutschland kommen.“

Von Eida Koheil

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