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Es riecht nach Gummi

Die DT-Bühnebilder für "1984" Es riecht nach Gummi

Mit einem Novum verkürzt das Deutsche Theater (DT) Göttingen die Sommerpause. Die Produktion „1984“ nach dem Roman von George Orwell hat am Sonnabend, 19. August, Premiere. Gespielt wird zweimal täglich - in der Tiefgarage. Regie führt Antje Thoms, für Bühne und Kostüme zeichnet Florian Barth verantwortlich.

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Florian Barth hat die finstere Welt des totalitären Staates entworfen.

Quelle: janvetter.com

Göttingen. Orwell schrieb den Roman 1948 unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs. Er schildert eine Welt der totalen Überwachung. „Big Brother“ ist der Chef. Er führt eine Parteielite, die normalen Parteimitglieder und die sogenannten Proles, das Volk. „Big Brother“ bespitzelt in dem totalitären Staat alles und jeden. Die Gedankenpolizei ist unerbittlich. Wer sich widersetzt, verschwindet. Alle Spuren werden getilgt. Dafür ist unter anderem Winston Smith im Ministerium für Wahrheit“ zuständig. Doch er beginnt zu zweifeln und schließt sich einer Widerstandsgruppe an. Dort lernt er Julia kennen, ein kurzes Glück. Denn Winston fliegt auf. Diese dystopische Welt lässt das Regieteam im Thoms nun in der Tiefgarage des Theaters spielen.

Wenig Licht beleuchtet den kargen Raum. Es riecht nach dem Gummi von Autoreifen. 150 Feldbetten habe er aufstellen wollen, sagt Barth, eine erste Idee. Er habe sich erinnert an die Zeit des Kalten Kriegs, in der ABC-Bunker in öffentlichen Garagen und ähnlichen Räumen eingerichtet worden waren, sagt Barth. Doch dann habe er gemerkt: „Man kann nicht Theater spielen in der Garage.“ Während er das sagt, erhebt Barth die Stimme. Die Worte hallen stark, Theaterspielen ist hier tatsächlich unmöglich.

Die Überwachungsszenarien und körperlich spürbar werden.

Barth musste sich etwas anderes einfallen lassen, die Zeit drängte. Er entschied sich für eine szenische Versuchsanordnung. Die Räume, die in dem Roman eine Rolle spielen, werden auf der Parkfläche aufgebaut, dazu „Sekundärorte wie ein Kino“, sagt Barth. Die Besucher werden in Zehnergruppen in diese Welt hinabgeführt, die Augen verbunden, auf den Ohren Kopfhörer. „Allein das ist schon sehr übergriffig“, sagt Barth. Doch die Überwachungsszenarien sollen nachvollziehbar und körperlich spürbar werden. Alle sechs bis sieben Minuten ist ein Ortswechsel in dem Labyrinth der Räume geplant. Mal sitzen die Zuschauer in einem Raum mit den Schauspielern, mal schauen sie von außen herein. Dann wieder hören sie nur Stimmen über den Lautsprecher, ohne etwas zu sehen. Auch einen „schalltoten Raum“, hat Barth vorgesehen. Einzeln werden einige Zuschauer dort hineingeführt, abgeschlossen von der Außenwelt und ihren Geräuschen. Die Besucher sollen Teil dieser Maschine sein, erklärt Barth. Gefühle sollen ausgelöst werden und Verwirrung gestiftet. Es gibt keine Vergangenheit, dann gibt es auch keine Zukunft. Alles wie im Roman. Barth nennt das eine „szenische Versuchsanordnung“. Letztlich gehe es um die Auslöschung eines Individuums, „dafür findet man kein Bild“.

Dystopie in der Tiefgarage

Eine Vorgabe für das Produktionsteam sei gewesen, dass diese dystopische Welt in der Tiefgarage auch als Event funktionieren sollte. Zwei Vorstellung soll es täglich geben. Jeweils 75 Besucher können dabei sein. Acht Schauspieler sind beteiligt. Gaby Dey, Lutz Gebhardt, Nikolaus Kühn, Felicitas Madl, Roman Majewski, Marco Matthes, Dorothée Neff und Paul Wenning begeben sich in diese Unterwelt, Majewski spielt die Hauptrolle, jenen Winston, der sich gegen das totalitäre System auflehnt. An elf Tagen zwischen dem 19. August und dem 10. September wird die Inszenierung zweimal täglich gespielt. Etwa 70 Minuten soll eine Vorstellung dauern. Viel Arbeitszeit für die Schauspieler, die allerdings froh seien, nicht Theater auf einer Bühne spielen zu müssen, sondern in direktem Kontakt mit dem Publikum stehen, sagt Barth und nennt das „Wohnzimmeratmosphäre“.

In den Werkstätten arbeiten die Handwerker des Theaters derzeit an dem Bühnenbild. Vor allem die Tischler haben viel zu tun. Sie sägen, glätten, kleben und schrauben die Wände der Räume. Auf dem Gang zwischen den Werkstätten stehen schon fertige Konstruktionen, darunter der schalltote Raum und das Bordell Im Malersaal werden Wände mit einer ältlichen Ornamenttapete beklebt, „das alte Zimmer“, sagt Barth. Viel Zeit, alles fertig zu stellen, bleibt nicht. Denn zwei Wochen Ferien liegen auch noch vor der Premiere. „Mal sehen, was wir noch alles schaffen“, sagt Barth vergnügt. Und er ist sich sicher: „Es wird großartig.“ Vieles deutet darauf hin, dass er Recht haben könnte.

„1984“ hat am Sonnabend, 19. August, um 20.30 Uhr Premiere. Eine öffentliche Probe wird es bereits am Donnerstag, 17. August, um 20.30 Uhr geben. Zwischen dem 23. August und dem 10. September stehen 11. Spieltage auf dem Programm. Die Vorstellungen beginnen immer um 18.30 und um 20.30 Uhr. Kartentelefon: 05 51 / 49 69 11.

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