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Das läuft in Göttingens Kinos

Die Filmstarts der Woche ab Donnerstag, 8. September Das läuft in Göttingens Kinos

Landärzte, Leuchtturmwärter und Einbrecher-Geschichten: Die Kinostarts ab Donnerstag, 8. September führen in unterschiedliche Welten. Ein Überblick über das, was ab Donnerstag in Göttingens Kinos zu sehen ist.

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Unerwartet unaufgeregt

Landarzt Jean-Pierre (François Cluzet) will sich von Kollegin Nathalie (Marianne Denicourt) nicht helfen lassen.

Quelle: HAZ

„Der Landarzt von Chaussy“: Werbung für einen verloren gehenden Beruf

Von Matthias Halbig
Hollereidulljöh!“ möchte es einem vorab entfahren. Bei Nennung des Filmtitels „Der Landarzt von Chaussy“ hört man nämlich im Geiste  Kühe auf der Weide Heimatlieder muhen und sieht den Bauern vor sich, wie er dem lieben Vieh zu den letzten orangeroten Strahlen einer halb hinter den Horizont gerutschten Grinsesonne gute Nacht wünscht. Man ist halt von so einigen heimeligen Heimatserien geprägt, in denen der Arzt mit Rat, Tat und einem belastbaren Strahlen im Gesicht Tag und Nacht zur Stelle ist, ein gefühlter Allrounder für alles Lebendige, ob sich nun der Winzer unter Blinddarmreizung krümmt oder die einhornige Berta ihr Kalb um 3 Uhr nachts bekommt.

Ganz anders als in unserer medizinischen Wirklichkeit, wo man selbst mit dem Kopf unterm Arm vom Hausarzt in einer Fünfminutenaudienz durchgetaktet wird und der Besuch beim Spezialisten erst in derart weiter zeitlicher Distanz zur Überweisung stattfindet, dass jede bösartigere Krankheit sich in aller Ruhe in den Unbesiegbarkeitsmodus vorarbeiten kann: „Tut mir leid, da hätten Sie früher kommen müssen.“

Jean-Pierre Werner ist ein überaus hingebungsvoller Mediziner und arbeitet im kleinen Dorf am (hier französischen) Weltrand, das immerhin hat er mit den Kollegen vom Kitsch-TV gemein. Er macht nach der Praxis viele Hausbesuche und kümmert sich um die Beladenen des Leibes und der Seele. Sorgt dafür, dass der Landwirt, der die Hand im Scharnier eingeklemmt hatte, die Finger wieder bewegen kann. Dass die depressive Hausfrau wieder Freude an sich hat. Und dass der greise Sorlin nicht ins Krankenhaus muss. Denn von der Stadt (in die auch seine Frau und Sohn geflohen sind) und ihren Hospitälern hält Doktor Werner wenig. Der alte Sorlin läge dort im zugigen Flur, finge sich eine Lungenentzündung ein und käme schlechter bestellt zurück oder gar nicht mehr. Niemandem verrät Werner von der niederschmetternden Diagnose, die er selbst erhalten hat. Ein Tumor sitzt im linken Schläfenlappen – inoperabel. Eine Chemo könnte helfen. Abends liest er einsam in den Bildern der Tomografie seine Zukunft. Er hätte wohl früher kommen müssen.

Der befreundete Arzt, der den Krebs gefunden hat, schickt die nicht mehr ganz junge Nathalie vorbei, damit Jean-Pierre sich schonen kann. Die schöne Krankenschwester mit dem bitteren Zug um den Mund, die erst auf dem zweiten Bildungsweg Medizinerin wurde (Marianne Denicourt), und der ambitionierte Krankenschwestern begrummelnde Jean-Pierre (der immer ein wenig an den mittelalten Dustin Hoffman erinnernde François Cluzet, im Starstatus seit „Ziemlich beste Freunde“) gäben ein prima Paar. Und es fängt auch wie bei diffizilen Liebesgeschichten üblich mit Abneigung an. Richtig boshaft wird dieser sonst so stoische und selbstlose Jean-Pierre sogar gegen die als Konkurrentin enpfundene Kollegin. Er schickt Nathalie zu einsam lebenden Patienten, die niemandem je trauen würden außer ihm und lässt sie von einer zornig die Flügel schlagenden Gänseflotte über einen Hof scheuchen. Dass Zuneigung wächst, ist selbstverständlich.

Doktor Werner merkt schon bald, dass er die Grenzen des guten Geschmacks überschritten hat, und gefällt sich nicht mehr so recht beim kindischen Piesacken. Und Nathalie wird mählich eben doch Teil der Gemeinschaft. Der Abstand wird kleiner, das Vertrauen wächst. Und beim Dorffest, als die Countryband Leonard Cohens „Hallelujah“ spielt, tanzt sie mit dem jungen Autisten, der so viel über den Ersten Weltkrieg und die Weimarer Republik weiß, einen Schmuseblues. Bis zum Abspann bleibt zwar offen, ob außer der Praxis noch mehr von Jean-Pierre und Nathalie geteilt werden wird, aber sie steht dem Kollegen immerhin bei gegen das vom ziemlich windigen Bürgermeister als Spekulationsobjekt betriebene Ärztezentrum. „Ich bin froh, dass Sie hier sind“, seufzt Jean-Pierre. Zuvor hat er seine Pflicht vergessen und dabei eine wahre Heldentat begangen.

„Der Landarzt von Chaussy“ ist trotz des Titels und des doch leicht märchenhaften Endes alles andere als Hollereidulljöh mit Stethoskop. Thomas Lilti („Hippocrate“), der vor seiner Arbeit fürs Kino selbst als Mediziner arbeitete, hat eine leise und bewegende Hommage an einen ehrenwerten Beruf geschaffen. Über allem Ernst liegt dabei ein zartes, zuweilen kurioses Komödiengewebe, das dem strapaziösen Alltag des Helden eine heitere Anmutung gibt. So wird sich hoffentlich mancher angehende Doktor im Kino von der Werbebotschaft angezogen fühlen, vom Frieden und der relativen Ruhe des Landlebens. Was gut wäre, weil es – wir wissen es aus Reportagen und Dokumentationen – auch nottut. Alle anderen erleben einen zauberhaften und dennoch realistischen Film, der zeigt, dass es auf dem Land eben auch echter zugehen kann als im ZDF bei Dr. Bergmann und Dr. Gruber. 

„Der Landarzt von Chaussy“,  Regie: Thomas Lilti, 102 Minuten, FSK 0 

Ist die Realität dramatisch, werden Komödien gedreht

Herr Cluzet, Ihr Film „Ziemlich beste Freunde“ hat in den deutschen Kinos das Tor für französische Komödien weit geöffnet. Glauben Sie, dass nach den Anschlägen in Frankreich nun weniger Komödien produziert werden?
Im Gegenteil. In Frankreich sind Filme, die einen direkten Bezug zur politischen Realität haben, meistens nicht sehr erfolgreich. Die Franzosen haben Angst vor Attentaten und wollen sich zu ihrer Unterhaltung nicht auch noch einen Film zu diesem Thema anschauen. Wenn die Realität dramatisch ist, werden umso mehr Komödien gedreht. Das war schon immer so.

Und wie gefällt diese Komödienflut den Schauspielern?
Das Problem ist, dass es nicht gerade die am besten geschriebenen Komödien sind, die in solchen Zeiten produziert werden. Die großen Schauspieler fliehen im Moment aus dem Kino und gehen zurück auf die Bühne. Dadurch wird auch Platz gemacht für weniger talentierte Schauspieler, was der Qualität der Filme sicherlich nicht zuträglich ist.

In Ihrem aktuellen Film spielen Sie einen Landarzt – und der ist zugleich Altruist. Fiel es Ihnen leicht, so einen selbstlosen Zeitgenossen zu verkörpern?
Man muss den kleinen Altruisten in sich selbst entdecken und um ein Vielfaches vergrößern. Schauspieler sind ja von Natur aus eitel. Da schließe ich mich nicht aus. Es hat gutgetan, eine Figur zu spielen, bei der das Engagement für andere wichtiger ist als die eigene Eitelkeit.

Interview: Martin Schwickert

„The Light Between the Oceans“: Wuchtige Tragödie vor spektakulärer Naturkulisse

Von Martin Schwickert

Als Tom Sherbourne (Michael Fassbender) 1918 von den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges nach Australien zurückkehrt, erscheint ihm der Posten als Leuchtturmwärter auf einer einsamen Insel genau richtig, um das Grauen der Westfront zu vergessen. Janus-Rock heißt das karge, felsige (und fiktive) Eiland, das auf der Grenze zwischen Indischem und Pazifischem Ozean liegt.
Aber bevor Tom das Festland verlässt, trifft er Isabel (Alicia Vikander). Ein halbes Jahr später heiraten die beiden und Isabel kommt mit auf den von Stürmen umtobten Außenposten. Ein Haus, ein Leuchtturm, zwei Menschen, die sich lieben, und um sie herum die wilde See.

Aus diesem Grundsetting heraus ließe sich ein klaustrophobischer Thriller à la „Shining“ oder eine Romanze im Nicholas-Sparks-Format entwickeln. Aber Derek Cianfrance („Blue Velvet“), der hier den Roman von M. L. Stedman  adaptiert, hat sich für ein großformatiges Melodrama entschieden, das er vor eindrucksvoller Naturkulisse äußerst effizient in Szene setzt. Das junge Paar möchte eine Familie gründen, aber nach zwei dramatischen Fehlgeburten scheint der Kinderwunsch in weite Ferne zu rücken, bis die Flut eines Tages ein Ruderboot an den Strand spült. Der Mann darin ist tot, aber das Baby neben ihm hat überlebt. Während Isabel in dem gestrandeten Kind, das sie in ihre Arme schließt, einen Wink des Schicksals sieht, will Tom den Vorfall ordnungsgemäß melden. Aber der pflichtbewusste Leuchtturmwärter ist machtlos gegenüber der mütterlichen Euphorie, die sich vor ihm zu entfalten beginnt.
Vier Jahre währt das unbeschwerte Familienglück, bis Tom bei einem Besuch auf dem Festland erfährt, dass die leibliche Mutter des Kindes (Rachel Weisz) noch lebt und über den Verlust nie hinweggekommen ist. Es ist eine Tragödie von durchaus griechischer Wucht und Größe, die Cianfrance mit „The Light Be-tween the Oceans“ auf der Kinoleinwand orchestriert. Er nimmt sich viel Zeit, die Figuren und die aufkommenden Konflikte präzise aufzustellen. So langsam, wie sich das Versorgungsschiff auf die Insel zu bewegt, sieht man auch die schicksalhaften Entwicklungen herannahen – und dennoch verfolgt man deren Wege mit zunehmendem Interesse.
Darüber hinaus steht die Intensität des Filmes auf zwei verlässlichen Säulen: Zum einen ist dies das herausragende Schauspieler-Triumvirat. Michael Fassbender lässt unter der beherrschten Oberfläche mit feinem Minimalismus den ganzen Kosmos widerstrebender Gefühle und moralischer Entscheidungsnöte durchscheinen. Ihm gegenüber steht Alicia Vikander, die die Emotionalität ihrer Figur vehement nach außen trägt. Und schließlich Rachel Weisz, die sich in der Rolle der Witwe langsam aus der tiefen Dunkelheit von Trauer und Verlust wieder ins Leben vortastet. Jede dieser drei Vorstellungen wäre Grund genug für den Erwerb einer Kinokarte. Zusammen bilden Fassbender, Vikander und Weisz ein schauspielerisches Energiezentrum, dem man sich nicht entziehen kann. Die zweite Säule gründet auf der spektakulären, maritimen Naturkulisse, die von grollenden Sturmfluten bis zu lieblichen Sonnenuntergängen die ganze Palette der verhandelten Emotionen spiegelt und von Kameramann Adam Arkapaw („Macbeth“) expressiv in Szene gesetzt wird. Großes Kino ohne Digital-3-D-Schnick-Schnack, das die richtige Balance zwischen kraftvollen Figuren und beeindruckenden Bildern findet.

„The Light Between the Oceans“, Regie: Derek Cianfrance, 132 Minuten, FSK 12

Gruselstück mit vielen Wendungen: „Don’t Breathe“

Von Marco Krefting
Dunkelheit, Stille, versperrte Fluchtwege und das Überraschungsmoment: Horror- und Gruselgeschichten sind oft aus den gleichen Elementen zusammengesetzt –  und doch funktionieren sie immer wieder. Auch Regisseur Fede Alvarez stimmte für den Thriller „Don't Breathe“ die Baukastenteile so aufeinander ab, dass den Zuschauern echt die Luft wegbleibt.  

Eigentlich läuft es für die Freunde Alex, Rocky und Money gut: Sie brechen ein, rauben Schuhe, Schmuck und Uhren – und hinterlassen Scherben auf dem Boden. Dann wittern sie einen Coup: In einer menschenverlassenen Siedlung haust ein blinder Mann, der auf einer üppigen Summe Schmerzensgeld sitzt, die er nach dem Unfalltod seines Kindes bekommen hat. Leichtes Spiel, denkt das Trio. Und Rocky räumt mit einem Satz die letzten Zweifel aus: „Wenn wir das tun, müssen wir es nie wieder tun.“         
Und so geht –  nach nicht einmal einer Viertelstunde –  der Horror los: Den zähnefletschenden Hund hat das Trio dank guter Vorbereitung schachmatt gesetzt. Und auch für den alten Blinden gibt es einen Plan. Doch der geht nicht auf.         Plötzlich steht der Mann im Raum und zeigt seine Stärke als Kriegsveteran. Im wahrsten Sinne des Wortes. Weil ihnen sämtliche Auswege versperrt sind, beginnt für Alex und seinen Schwarm Rocky eine blutige, qualvolle Verfolgungsjagd über drei Stockwerke und Luftschächte. Eine schreckliche Entdeckung im Keller inklusive, die dem Film eine verstörende Note gibt.   
Nach etwa einer Stunde scheint der Kampf ausgetragen. Doch dann greifen Alvarez und Rodolfo Sayagues, die zusammen das Drehbuch geschrieben haben, zu einem ebenfalls altbewährten Trick: Frei nach dem Motto „Totgesagte leben länger“ schaffen sie nun noch zwei, drei Wendungen.

„Don’t Breathe“, Regie: Fede Alvarez,  88 Minuten, FSK  16

Niedlich statt gruselig: „Molly Monster – Der Kinofilm“

Von Jörg Brandes
Monster müssen nicht immer furchterregend sein. Molly und ihre Familie etwa sind ganz putzige Vertreter ihrer Art. Vor allem mit einer TV-Serie haben sie Kinderherzen erobert. Nun erleben sie ihr Langfilmdebüt, das von der Alexandra-Schatz-Filmproduktion aus Hannover mit auf die Beine gestellt wurde.

Darin kündigt sich für Molly ein wichtiges Ereignis in ihrem Leben an: Sie wird vom Einzelkind zur großen Schwester! Das Ei ist schon gelegt, muss aber noch ausgebrütet werden. Und das geht traditionsgemäß nur auf der Eierinsel. Die niedliche Geschichte ist kindgerecht portioniert, Mollys kleine Abenteuer unterwegs sind allenfalls moderat aufregend, ihre Begegnungen mit anderen Monstern sind von einem positiven Geist beseelt.
Bei so viel Harmonie ist es denn auch kein Wunder, dass sich Molly vorbehaltlos auf den Familienzuwachs freut. Von Eifersucht keine Spur. Bedenken hat nur ihr Kumpel Edison. Er fürchtet, seine Freundin hätte nun wohl keine Zeit mehr für ihn. Aber auch für den Aufziehgesellen gibt’s ein Happy End.

„Molly Monster – Der Kinofilm“, Regie: Michael Ekblad, Matthias Bruhn, Ted Sieger, 72 Minuten, FSK 0 

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