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„Die Frauen bleiben weiter stigmatisiert“

Werkgruppe 2: Theaterprojekt „Rotlicht“ zur Lage von Prostituierten „Die Frauen bleiben weiter stigmatisiert“

Sie möchte Dinge beleuchten, die in der Öffentlichkeit zu wenig Beachtung finden, den Fokus auf das richten, was sonst im Verborgenen stattfindet. Julia Roesler, 1978 in Göttingen geborene freie Regisseurin, startet jetzt mit den Vorarbeiten zum Projekt „Rotlicht“, das am 6. April kommenden Jahres im Deutschen Theater in Göttingen (DT) herauskommen soll.

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Quelle: afp

Göttingen. Im Zentrum von „Rotlicht“ stehen Berichte und Eindrücke aus dem Berufsleben  von Prostituierten.

Die „Werkgruppe 2“, der Julia Roesler als Regisseurin angehört, hat schon mit ihren früheren Recherchestücken weit über Göttingen hinaus für Aufmerksamkeit gesorgt. In „Zirkus“ (2012) ging es um das Leben von Zirkusleuten zwischen Manege und Alltag, das Stück „Soldaten“ (Spielzeit 2010/11) sollte beim Publikum das Bewusstsein dafür wecken, dass Bundeswehrangehörige tatsächlich weltweit mitten im Krieg stehen. Auch frühere Produktionen, darunter „Friedland“ (2010), „Sicher ist sicher“ (2010) oder „Das Orangenmädchen“ (2007) hatten immer auch eine aufklärende Absicht – freilich stets mit theatralen Mitteln.

Julia Roesler

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„Wir wissen sehr wenig über die Frauen, die heute als Prostituierte arbeiten“, bedauert Roesler. Zwar gebe es massenhaft Literatur zum Thema Prostitution und Sexarbeit, doch bleibe dies meist nur an der Oberfläche. Die Frauen blieben weiter stigmatisiert, die Enttabuisierung beim Thema Sex sei nur eine scheinbare. „Seit zehn Jahren gibt es in Deutschland Gesetze, die die Prostitution legalisiert haben. Doch dem Menschenhandel sind weiter Tür und Tor geöffnet.“ In Deutschland nehmen, so Roesler, pro Tag etwa 1,2 Millionen Männer die Dienste von Prostituierten in Anspruch. Deren Jahresumsatz beträgt etwa 15 Milliarden Euro. Die Gesamtzahl der Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter wird von der Bundesregierung auf rund 400 000 geschätzt, davon 90 Prozent Frauen. Die Hälfte von ihnen hat Migrationshintergrund.

Wichtig ist Roesler die Meinung der Prostituierten. Sie möchte mit „Rotlicht“ Geschichten von Menschen auf die Bühne stellen, die sich sonst nie in die Öffentlichkeit begeben würden. Dafür sucht sie Sexarbeiterinnen – und auch Sexarbeiter –, die bereit sind, in Interviews Auskunft über ihr Berufsleben zu geben. Die Interviews werden vertraulich behandelt und anonymisiert. Erste Rückmeldungen auf den Interview-Aufruf stimmen die Regisseurin optimistisch: „Es gibt tatsächlich Leute, die zu sprechen bereit sind. Offenbar ist gerade die zugesicherte Anonymität die Chance.“
Dabei ist sich die Regisseurin der bevorstehenden Schwierigkeiten bewusst. „Wir müssen in Sachen Populismus aufpassen“, warnt sie. „Wir müssen mit Bildern arbeiten, ohne in Klischeeabgründe zu stürzen.“

Von Michael Schäfer

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