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Verunglückte Neuauflagen und mehr

Die Kinostarts ab Donnerstag, 1. September Verunglückte Neuauflagen und mehr

Das Remake des Klassikers "Ben Hur" ist verunglückt, eine Dokumentation will gleichzeitig Thriller sein und außerdem starten am Donnerstag, 1. September mehrere Dramen: In „Mahana“ geht es um das Familienleben von Maoris in Neuseeland, in "Fado" um "Eifersucht als Kopfkino".

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Szene aus "Ben Hur"

Quelle: dpa

„Ben Hur“ 2016: Verunglückte Neuauflage eines Klassikers

Von Stefan Stosch

Vor knapp zwei Jahrzehnten tat US-Regisseur Gus Van Sant Seltsames: Er drehte ein beinahe identisches Remake von Alfred Hitchcocks Thriller „Psycho“ von 1960. So sehr ähnelte sein Film dem Original, dass man nach Abweichungen mit der Lupe suchen musste. Und tatsächlich: Bei Van Sant floss mehr Blut in der Mordszene unter der Dusche! Die Zuschauer näherten sich dem Remake quasi wie einem Bildersuchspiel: Finden Sie die zehn Unterschiede zwischen Original und Fälschung. Als wenig ergiebiges Rendezvous mit Hitchcock wurde Van Sants Hommage alsbald abgehakt. Zumindest aber muss man sagen: Der Mann wusste den Meister zu würdigen.

Im heutigen Hollywood ist man beim Umgang mit glanzvoller Kinogeschichte weniger zimperlich. Der grassierende Fortsetzungswahn scheint auf Dauer wohl doch keine ergiebige Einnahmequelle zu garantieren. Also werden die Archive durchforstet. Ob „Dschungelbuch“, „Independence Day“, „Tarzan“ oder auch „Die glorreichen Sieben“ (Start: 22. September): Hollywood appelliert an nostalgische Gefühle.

Im Fall von „Ben Hur“ liegt nun ein besonders eklatanter Fall vor. William Wylers Monumentalfilm von 1959 gilt als cineastisches Monument, in dem der jüdische Prinz Ben Hur (damals gespielt von Charlton Heston) und sein Jugendfreund, der Römer Messala, als Zeitgenossen Jesu aufwachsen. Später trennen sich ihre Wege, Messalas Bruderliebe verwandelt sich in Hass. Er lässt Ben Hur als Galeerenruderer versklaven – bis die beiden beim wohl berühmtesten Pferderennen der Kinohistorie wieder aufeinandertreffen.

Die Brillanz des tödlichen Duells, gemessen an den damaligen technischen Möglichkeiten, ließ die Zuschauer staunen – und ins Kino rennen: Der „New Yorker“ veröffentlichte die exakten Minutenangaben, damit Zuschauer zur richtigen Zeit dort aufkreuzen konnten, ohne sich den ganzen Abend um die Ohren zu schlagen. Heute, im digitalen Kinozeitalter, ist technisch alles möglich – und daraus erwächst Allmachtswahn, der oft in Gleichmacherei endet. Wenig lässt sich im CGI-Überschwang noch wirklich fühlen, spüren, sinnlich erfahren. Da gehen Hollywood schnell die Gäule durch.

Das Wagenrennen? Man schluckt digitalen Manegensand, Streitwagen werden wie Bowlingkugeln durch die Arena katapultiert, das Duell gerät zum Turnwettbewerb. Natürlich behauptet Regisseur Timur Bekmambetow, die meisten Szenen seien so gedreht und nicht am Computer kreiert worden ... Der Film entstand immerhin, wie auch das Original, in den römischen Cinecittà-Studios.
Das Wagenrennen ist symptomatisch: Hier wird ein Klassiker ausgeschlachtet.

Dem Regisseur, bekannt durch Filme wie „Abraham Lincoln Vampirjäger“, bastelt aus den Versatzstücken seinen Best-of-„Ben Hur“ zusammen. Er fleddert den Klassiker und schmilzt ihn auf zwei Kinostunden ein. Bei ihm gerät das Epos zu irgendeinem Abenteuerfilm, in dem ein Hippie-Jesus seine Menschenliebe bekundet und römische Soldaten wie amerikanische GIs in die Schlacht ziehen. Dazu mischt Bekmambetow Pferdeflüsterer-Anklänge und Sportfilm-Attitüde. Irgendwie wird’s schon passen.

Es passt aber nicht. Das Ganze ähnelt einer hölzernen, überteuerten Fernsehproduktion. Ein Star in der Titelrolle war für 100 Millionen Dollar allerdings nicht zu haben. Jack Huston („Stolz und Vorurteil und Zombies“) gibt Ben Hur, Toby Kebbell („Zorn der Titanen“) als Messala wirkt wie ein zu groß geratener Franck Ribéry und schlägt genauso fies zu. Einzig Morgan Freeman als weiser Scheich mit Rastalocken bringt Würde ins Geschehen.

Das heißt, eine Sequenz sticht hervor: ein Blick ins düstere Innere einer Galeere inmitten einer Seeschlacht. Spitze Bugs rammen sich ins Schiffsholz, brennendes Schwefel rinnt durch Plankenritzen, die Trommel des Anpeitschers dröhnt. Kameramann Oliver Wood konzentriert sich auf die klaustrophobische Enge: Wir nehmen den Kampf allein mit den Augen der römischen Sklaven wahr. Die Seeschlacht ist das Spannendste, was „Ben Hur“ 2016 zu bieten hat. Aber vielleicht sollte man diesen unbeholfenen Film lieber gleich wieder vergessen und sich noch mal William Wylers Version anschauen.

„Ben Hur“, Regie: Timur Bekmambetow,  123 Minuten, FSK 12 Astor, Cinemaxx, Cinemotion, Cinestar

Der Feind in deinem Rechner: „Zero Days“

Von Matthias Halbig

Ganz einfach: „Wir waren es nicht. Wir wissen nichts, und wenn wir etwas wüssten, würden wir nicht darüber reden.“ Sagen die Amerikaner und die Israelis gleichermaßen. Und waren es wohl doch. Die Spuren der Schadsoftware Stuxnet führten 2010 in die USA und nach Israel, der angerichtete Schaden betraf vor allem beider Gegenspieler Iran. Die Doku „Zero Days“ des Oscar-gekrönten Regisseurs Alex Gibney („Taxi zur Hölle“) richtet den Fokus auf einen Cyberwurm, dessen Komplexität in Struktur und selbstständigem Angriffsverhalten auf geniale Entwickler schließen lässt. Die erste potenzielle digitale Massenvernichtungswaffe.

Der fiilmende Detektiv Gibney erzählt von den Anstrengungen der Bush-Administration, das iranische Atomprogramm zu torpedieren, um die Atombombe nicht in die Hand religiöser Fanatiker gelangen zu lassen. Damit erzählt er zugleich die Geschichte, wie und warum der Wurm in die Welt kam. Seine Doku ist ein Horrorfilm, perfektes Grauen in Hochglanz. Der Wurmeffekt auf Steuerungssysteme wird anhand eines platzenden Luftballons illustriert, das Bild wird nicht von ungefähr gegen einen aufblühenden Atompilz geschnitten. Die Unheimlichkeit des gestaltlosen Unheils wird verstärkt durch Bilder mit schattenschweren nächtlichen Büroräumen, tanzenden binären Codes und einem brodelnden Soundtrack, der die Allgegenwart des unsichtbaren Feindes in Töne fasst.

Suggestivkino. Investigativkino. Wirklichkeit wird zum Thriller, das Unbehagen des Betrachters ist maximal: Was, wenn einer mit dem nächsten Stuxnet die elektronische Infrastruktur des eigenen Landes ausknipst? Der Cyberkrieg, schlimm wie ein Atomkrieg, bislang Science-Fiction, scheint jederzeit unerklärt ausbrechen zu können.  

„Zero Days“, Regie: Alex Gibney,  114 Minuten. FSK 12

Die schreckliche Eifersucht: "Fado"

Von Martin Schwickert

Zu Beginn und am Ende von Jonas Rothlaenders „Fado“ türmt sich eine gigantische Flutwelle vor dem Kinopublikum auf, die alles hinwegzureißen droht. In den knapp 100 Filmminuten dazwischen versucht der junge Mediziner Fabian (Golo Euler), ein Gefühl zu beherrschen, das als Nebenerscheinung der Liebe zerstörerische Kraft entwickelt.

Die Rede ist von der Eifersucht. Als Fabian in der Notaufnahme eine Frau unter den Händen wegstirbt, die seiner ehemaligen Geliebten zum Verwechseln ähnlich sieht, lässt er in Berlin alles liegen. Er macht sich auf nach Lissabon, wo Doro (Luise Heyer) arbeitet. Nur zögernd lässt sie sich auf einen Neuanfang ein, verliebt sich aber noch einmal in den Ex.

„Eifersucht ist Kopfkino“, sagt der Regisseur. Er holt dieses Kopfkino in expliziten Sexszenen auf die Leinwand. Mit einem klaren visuellen Konzept, einer ungewöhnlichen Erzählstrategie und zwei Darstellern, die ihren Figuren eine nuancierte Brüchigkeit verleihen, zeigt „Fado“ die Ängste, die Macht und die Gewalt hinter der Eifersucht.  

„Fado“, Regie: Jonas Rothlaender,  101 Minuten, FSK 16 

Stolze Schafscherer: „Mahana - eine Maori-Saga“

Von Stefan Stosch

Dieses Kinoduell ist schon ziemlich eigenartig: Männer in verschwitzten Unterhemden beugen sich über Schafe und rasieren ihnen in Rekordzeit die Wolle vom weißen Leib. Jede Sekunde zählt und wird per Uhr gestoppt. Wer gewinnt, dem ist Ruhm und Ehre gewiss, dem Verlierer bleibt die Schmach – ganz besonders in diesem Fall: Denn bei diesem Wettbewerb Ende der Fünfzigerjahre in Neuseeland treten zwei verfeindete Clans gegeneinander an.

Der Maori-Junge Simeon (Akuhata Keefe) ist mit seinen Scherkünsten ganz vorne dabei. Der kluge 14-Jährige könnte der Stolz der Mahana-Sippe sein, aber Simeon ist zugleich ein Rebell. Er wagt es als Einziger, die Anweisungen – nein: Befehle – seines Großvaters Tamihani (Temuera Morrison) zu hinterfragen, Simeon wird von einem unbezähmbaren Gerechtigkeitssinn getrieben. Damit handelt er sich echte Probleme mit dem Großvater ein: Denn wenn der graubärtige Patriarch der Mahana-Familie etwas noch weniger leiden kann als den Anblick des verfeindeten Poatas-Clans, dann ist das Widerspruch von den eigenen Nachkommen.
Doch es sind Zeiten des Umbruchs, in denen der neuseeländische Bond-Regisseur Lee Tamahori („Stirb an einem anderen Tag“) sein sympathisch langsam erzähltes Drama „Mahana“ angesiedelt hat. Der Kampf der Generationen ist unterschwellig längst entbrannt.

Die jungen Leute zieht es ins Kino zu ihren Leinwandhelden James Dean oder James Stewart, Großvater Tamihani dagegen verlangt Respekt, Gehorsam, ja Unterordnung und weiß solche Vergnügungen gar nicht zu schätzen. Er ist es schließlich gewesen, der mit harter körperlicher Arbeit den Wohlstand der vielköpfigen Schafscherer-Sippe gemehrt hat. Aber er ist es auch, der ein düsteres Geheimnis mit sich herumträgt, wie Simeon durch Zufall herausfindet, als er auf ein Familienfoto stößt. Simeon wird dieses Geheimnis nicht auf sich beruhen lassen. Er will verhärtete Fronten wieder aufbrechen.
Tamahori nimmt sich Zeit, viel Zeit. Wolken streichen über tiefgrüne Hügel (schöner dürften auch die Hobbits ihre Heimat nie gesehen haben). Glühend rot geht die Sonne unter. Einmal aber nimmt der Film mächtig Tempo auf: Der Regisseur zettelt ein rasantes Autorennen an. Da geht wohl die Bond-Vergangenheit mit Tamahori durch. Zwei verfeindete Sippen brettern durch den neuseeländischen Staub, unterwegs in eine neue Zeit.

Vorlage für „Mahana“ ist der gleichnamige Roman des Maori-Autors Witi Ihimaera, der auch die (ebenfalls verfilmte) Geschichte vom „Whale Rider“ geschrieben hat. Gelegentlich schrammt der Film hart am Folkloristischen vorbei, aber dann schlagen die familiären Konflikte wieder durch. Bei Tamahori sind die Maori keine an den Rand gedrängten Ureinwohner, auch wenn sie bitteren Diskriminierungen des Staates ausgesetzt sind und sich nicht einmal in ihrer eigenen Sprache verteidigen dürfen.

Der Stolz des Mahana-Clans ist groß, so groß, dass der Großvater riskiert, dass seine Großfamilie auseinanderbricht. Die nachfolgenden Generationen aber sind zum Glück schon viel weiter als das unbelehrbare Oberhaupt.  

„Mahana – Eine Maori-Saga“, Regie: Lee Tamahori, 103 Minuten, FSK 6

Mehr Wein als Sein: „Zwischen  Trauben und Menschen“

Von Stephan Fuhrer

Im Wein liegt die Wahrheit –  diese Wahrheit gilt offenbar auch bei der Traubenlese. Etwa 20 mit Scheren und Eimern bewaffnete Frauen und Männer arbeiten sich im herbstlichen  Südfrankreich durch einen Weinberg, philosophieren übers Leben, necken sich, geben Persönliches preis. Dokumentarfilmer Paul Lacoste hält die Gruppendynamik fest. „Vendanges“ – Weinlese – heißt sein Werk im Original. „Von Trauben und Menschen“ trifft es auch. Die Erntehelfer wissen, dass ihre gemeinsame Zeit endlich ist. Dass sie in dieser Gruppe auch in der kommenden Saison gemeinsam arbeiten werden, ist unwahrscheinlich.

Zwischen den monoton aufsteigenden Rebenreihen kommen die Motivationen zum Vorschein. Da ist der einsame Rentner oder auch die entlassene Angestellte, die gebraucht werden möchte. Sie alle kommen sich in diesem Herbst näher, aber nicht nahe. Lacoste dokumentiert die Annäherung angenehm nüchtern. Da die Zahl der Erntehelfer groß ist, verschwimmen  allerdings einige der liebevoll gezeichneten Porträts. Und auch wenn die Erzählung nicht mit den letzten geernteten Trauben endet  – eine emotionale Verbindung mit dem Zuschauer gelingt nicht. Für Weinliebhaber gibt es noch die Antwort, was einen edlen Tropfen edel macht. Aber auf die wäre man auch gekommen. 

„Von Trauben und Menschen“,  Regie: Paul Lacoste,  79 Minuten, FSK 0

Geballtes Charisma: "Mein ziemlich kleiner Freund"

Von Margret Köhler

Die Schöne und das Biest: Diese Geschichte wird immer wieder gerne in allen möglichen Varianten verfilmt. Die Schöne ist hier die Anwältin Diane (Virginie Efira), die vom Prinzen träumt. Sie arbeitet mit ihrem eifersüchtigen Ex in derselben Kanzlei. Dann klingelt das Telefon, eine verführerische Stimme ruft sie von ihrem vergessenen Handy aus an. Diane lässt sich auf ein Übergabetreffen ein und muss erst einmal schlucken. Der Traummann misst 1,36 Meter. Der charmante Typ verwirrt sie mit seiner Energie, entführt sie auf die verrücktesten Dates samt Tandemsprung aus einem Flugzeug.

Die wunderbare Belgierin Virginie Efira bewahrt die Romanze vor Peinlichkeiten. Was in Laurent Tirards Liebeskomödie nicht hinhaut, ist die Besetzung mit Jean Dujardin. Der Oscar-Preisträger („The Artist“) ist zu bekannt als Charismatiker, als dass man ihm den „Zwerg“ abnehmen würde. Bleibt eine die Frage: Wäre die Heldin auch schwach geworden, wenn der Held nicht reich, großzügig und attraktiv gewesen wäre? 

„Mein ziemlich kleiner Freund“, Regie:  Laurent Tirard, 99 Minuten, FSK 0

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