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„Die Leiden des jungen Werthers“ im Jungen Theater Göttingen

Viel Sturm, viel Drang „Die Leiden des jungen Werthers“ im Jungen Theater Göttingen

Irgendwie schwebt Werther im Himmel. Das ist auf den ersten Blick zu erkennen. Zumindest in der Inszenierung „Die Leiden des jungen Werthers“ von Regisseur André Bücker, die am Donnerstagabend im Jungen Theater (JT) Premiere hatte. Da trägt Werther nämlich einen blauen Anzug voller Schäfchen-Wolken.

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Innig: Zartes Pflänzchen der Liebe zwischen Werther (Gerrit Neuhaus) und Lotte (Linda Elsner).

Quelle: Heise

Göttingen. Johann Wolfgang Goethe (1749-1832) veröffentlichte den Briefroman 1774, 25 Jahre war er da alt. Dem „Sturm und Drang“ wird das Werk zugeordnet, das ihn europaweit bekannt machte - und die Selbstmordrate in die Höhe schnellen ließ. Mit deutlichen autobiographischen Bezügen lässt Goethe den jungen Springinsfeld Werther von einer seiner unmöglichen Liebe zu Lotte berichten. Eine Bühnenfassung des Stoffes schrieb Astrid Kohlmeier.

 

In der JT-Produktion trägt Werther nicht nur diesen Himmelsanzug, unter den Hosenbeinen blitzen auch Cowboystiefel hervor. Er versucht sich am Texten von Gedichten und Liedern. An der E-Gitarre, die er quält, hängt noch das Preisschild. Da gibt einer vor, mehr zu sein als er ist. Macht nichts. Lotte, die er zufällig trifft und gleich anhimmelt, scheint auch nicht abgeneigt. Sie plänkeln miteinander – bis Lotte Werther erzählt, dass sie Albert versprochen ist. Sie sind verlobt und wollen heiraten.

 

Albert wird von Goethe als grundsolide und bodenständig beschrieben. Das war dem Produktionsteam um Regisseur Bücker offenbar zu wenig. Sie haben Albert zu einen erfolgreichen Geschäftsmann mit Verbindungen stilisiert, der nicht nur karierte Hosen und ebensolche Pullover trägt, er spielt auch noch Golf. Und die Bälle, die lässt er sich, ganz Chauvi, von Lotte auf die Wiese legen. Eher eigenwillig als nachvollziehbar ist diese Interpretation. Doch sie schafft Potenzial für Reibung und Brüche in den Charakteren.

 

Dass Goethes Sprache sehr schön klingt, ist auch auf der JT-Bühne zu hören. Viel Originaltext wird gesprochen, moderat haben Dramaturg Tobias Sosinka und Regisseur Bücker aktualisiert. Das wirkt selten überzogen und ist verständlich.

 

Mit Linda Elsner, Peter Christoph Scholz und Gerrit Neuhaus agiert ein starkes Trio. Elsner gibt ihrer Lotte viel Charme und Frische, Scholz agiert als Albert sehr souverän und mit bemerkenswerter Musikalität. Neuhaus, von 2009 bis 2012 fest im Ensemble des Deutschen Theaters Göttingen, spielt all den Sturm und Drang in Werther dynamisch aus, wenn er auch bisweilen etwas überdreht. Die Drei präsentieren das Liebesdrama bewegend – und sind dabei ganz dicht am Publikum. Denn Bücker, der auch für Bühne und Kostüme verantwortlich zeichnet, hat die Spielfläche wie einen Laufsteg quer durch den Saal gelegt, die Zuschauer sitzen auf beiden Seiten und applaudieren nach rund 100 Minuten anhaltend und intensiv.

 

Weitere Vorstellungen: 2., 7.und 20ö. November sowie am 5., 16. und 27. Dezember um 20 Uhr, am 7. Dezember um 11 Uhr im Jungen Theater, Hospitalstraße 6. Kartentelefon: 05 51 / 49 50 15.

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