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Die tote Stadt - Opernpremiere in Kassel

Trauer, Leidenschaft und Rausch Die tote Stadt - Opernpremiere in Kassel

Die Uraufführung 1920 war ein Sensationserfolg. Doch zehn Jahre später interessierte sich kaum noch eine Bühne für Erich Wolfgang Korngolds Oper „Die tote Stadt“. Erst 1975 setzte eine Renaissance dieses Werkes ein. Am Sonnabend hatte die Oper in Kassel ihre lautstark beklatschte Premiere.

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Paul (Charles Workman) zwischen der lebenden Marietta (Celine Byrne, l.) und der toten Marie (Eva-Maria Sommersberg, r.).

Quelle: Klinger

Kassel. Die Handlung in Kürze: Paul trauert um seine vor Jahren gestorbene Ehefrau Marie. Er hat ihr in seiner Wohnung eine Art Altar errichtet, eine „Kirche des Gewesenen“, mit einem Zopf Maries als Reliquie. Da trifft er in der Stadt eine Frau, die der Verstorbenen aufs Haar gleicht. Marietta heißt sie, ist Tänzerin. Paul ist ihr verfallen. Zugleich weiß er, dass er die tote Marie betrügt, wenn er seiner Begierde nach Marietta nachgibt.

Es kommt zu einer rauschhaften Liebesnacht. Während einer Karfreitags-Prozession beginnt Marietta einen Kampf mit Marie und entreißt ihr den Zopf. Dafür wird sie von Paul erdrosselt. Am Ende stellt sich heraus, dass alles nur ein böser Alptraum war, in dem sich Paul von der Fessel an seine Trauer befreit hat: „Ein Traum hat mir den Traum zerstört.“

Diese düstere Geschichte, von Korngold in süffige spätromantische Klänge gehüllt, bietet etliche Fallstricke für den Regisseur. Eine Bebilderung im expressionistischen Stil der 20er-Jahre könnte ihm den Vorwurf des Historismus einbringen, eine realistische Sichtweise verbietet sich angesichts der Geschichte ohnehin. So hat Regisseur Markus Dietz auf Abstraktion und Symbol gesetzt – was in dem auf weite Räume angelegten Bühnenbild von Mayke Hegger stellenweise eindrucksvolle Wirkungen erzeugt. Vor allem Projektionen bringen dichte Atmosphäre. Manche Einfälle allerdings sind gefährlich, etwa der Liebesakt, dessen angestrebte Sinnlichkeit bisweilen in Peinlichkeit entgleitet, oder die symbolüberfrachtete Kreuzigung von Marie und Marietta. Und dass am Ende, wenn sich alles als Traum entschleiert, ganz realistische Blutspuren an Körpern, Kleidung und Wänden übrigbleiben, will in das Konzept des Librettos nicht passen.

Zwei besonders große Solistenpartien bietet Korngolds Oper: Marietta und Paul. Die irische Sopranistin Celine Byrne gibt mit ihrem großen, voluminösen Sopran die Marietta recht überzeugend als eine anfangs nur kapriziöse Figur, die am (Traum-)Ende einiges an Tiefgang gewinnt. Charles Workman – der eine langjährige, große internationale Karriere vorzuweisen hat – überfordert sich in der Rolle des Paul schon in der ersten Viertelstunde derart, dass ihm bald die Kraft für Spitzentöne fehlt. Schade. Und darstellerisch ist er wesentlich blasser, als die glutvolle Leidenschaft der Handlung von ihm fordert.

Die übrigen Solisten agieren auf hohem Niveau. Ein besonderes sängerisches Glanzlicht setzt Hansung Yoo als Pierrot: Sein Tanzlied „Mein Sehnen, mein Wähnen“ ist derart von stimmlicher Wärme durchglüht und mit feinsten Nuancen gestaltet, dass einem schier die Luft wegbleibt. Ein weiteres Glanzlicht dieser Inszenierung ist Eva-Maria Sommersberg in ihrer packend gestalteten stummen Rolle als Marie.

Patrik Ringborg sorgt mit seinem gut disponierten Orchester für eine reichhaltige Palette der Klangfarben, für Trauer, Leidenschaft und Rausch. Am Ende lang anhaltender Applaus für das gesamte Team einschließlich Chor und Kinderchor. Ein trotz einiger Abstriche spannender Abend.

Von Michael Schäfer

Nächste Termine: Mittwoch, 27., und Sonnabend, 30. April, 21. und 27. Mai, 1., 3., 12. und 22. Juni um 19.30 Uhr. Kartentelefon 0561/1094-222.

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