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Diedrich Diederichsen zu Gast im Literarischen Zentrum in Göttingen

Cheftheoretiker der Popmusik Diedrich Diederichsen zu Gast im Literarischen Zentrum in Göttingen

Eine kleine Reihe mit „Liederabenden“ hat das Literarische Zentrum in sein Programm genommen. Am Dienstagabend ist sie mit dem Besuch von Diedrich Diederichsen zu Ende gegangen. „Eigentlich haben wir diese Reihe nur gegründet, um einen guten Grund zu haben, ihn einzuladen“, sagte Zentrumschefin Anja Johannsen.

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Meister im Finden feiner Wörter und starker Bilder: Diedrich Diederichsen.

Quelle: Theodoro da Silva

Göttingen. Verständlich, denn Diederichsen, geboren 1957, gilt schon seit drei Jahrenzehnten als Cheftheoretiker der Popmusik. „Der König und Kaiser über Pop“, so der Titel der Veranstaltung, hat im vergangenen Jahr sein Opus Magnum vorgelegt, seine allumfassende, vermutlich auch endgültige Abhandlung zum Thema populäre Musik. Und wie nennt er dieses Werk? „Über Pop-Musik“. Mehr Understatement geht nicht. Mit Diederichsen hat Gerhard Kaiser gesprochen, Lehrkraft für besondere Aufgaben am Seminar für Deutsche Philologie der Universität Göttingen.

Es ist ein gewichtiges Werk, das Diederichsen da vorgelegt hat, allein schon wegen seiner materiellen Wucht von 479 Seiten. „Dieses Buch in 90 Minuten durchzusprechen“, sei der Plan des Abends, erklärte Kaiser und präsentierte gleich eine der diederichschen Leitthesen:  „Popmusik ist etwas anderes und mehr als Musik.“ Was also muss zusammenkommen? Diederichsen erklärt: „Es muss recorded, also aufgenommen sein, es muss möglichst live erlebbar sein, es muss visuelle Komponenten haben, und es muss unterschiedliche Rezeptionssituationen geben. Das alles muss man zusammensetzen. Und wenn das geschieht, handelt es sich um Popmusik.“ Was unterscheidet die Popmusik von Jazz und Klassik? Diederichsen muss nicht lange überlegen. Das aufgenommene Objekt stehe immer in Verbindung mit dem Live-Erlebnis, und vor allem der klassische Musiker besitze einen vollkommen anderen Habitus als der Populärmusiker, eher den eines klassischen Künstlers.

Einen größeren Teil des Abends widmeten Diederichsen und Kaiser der Geschichte der Popmusik, erklärt über die Entwicklung der Singstimmen. Besonders ausführlich geriet das Kapitel über „schwache Stimmen“, wie Diederichsen das Phänomen nennt, das in den 50er-Jahren aufkam. Frank Sinatra sei der erste gewesen, der nicht wie Hitler ins Mikrophon gebrüllt habe. Diederichsen: „Sinatra operierte mit Schwäche.“ Das sei eben „keine adoleszente Kraftmeierei“ gewesen.“ Andere Vertreter mit diesem Habitus? Bob Dylan und Ray Davis, die allerdings eher arrogant geklungen hätten. Ein „Höhepunkt der schwachen Stimmen“: Robert Wyatts „Free Will And Testament“. Handelt es sich um ein Männer-Phänomen? Laut Diederichsen bis auf wenige Ausnahmen tatsächlich: „Frauen sind stark oder Background-Vocals.“

Diederichsens Blick auf die Zukunft der Popmusik gerät schließlich wenig optimistisch. „Am Ende des Buches klingelt leise das Totenglöckchen“, sagt Kaiser. Und Diederichsen, der immer wieder feine Wörter und starke Bilder findet, erklärt mit Blick auf aktuelle elektronische Musik: „Wenn Popmusik zu Kunst wird, ist das, als wenn statt Fußball nur noch Schach gespielt wird.“
Diedrich Diederichsen: „Über Pop-Musik“, Kiepenheuer& Witsch, 474 Seiten, 39,99 Euro.

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