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Dietmar Wischmeyer mit „Achtung Artgenosse!“ im DT

Bemerkenswerter Bemerker Dietmar Wischmeyer mit „Achtung Artgenosse!“ im DT

Er müsse vorsichtig sein, sagt Dietmar Wischmeyer am Anfang seines Auftrittes am Sonnabend im Deutschen Theater (DT), eine ungewohnte Haltung des Comedian, der sonst wirklich keine Scheu hat, zu sagen, was er denkt.

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Auch beim Bühnenbild irgendwie politisch unkorrekt: Wischmeyer mit seinem bei Ikea erstandenen Kleiderständer.

Quelle: Heller

Göttingen. Er befinde sich im Jagdrevier von Knöllchen-Horst, jenem Frührentner also, der die Strafverfolgungsbehörden mit Anzeigen gegen alles bombardiert, was sich auch nur ansatzweise falsch verhält im Kosmos von Knöllchen-Horst. Das trifft Falschparker, das trifft auch Menschen die sich über Horst äußern und er das als despektierlich versteht. So hat’s auch Wischmeyer erwischt. Das Verfahren wegen Beleidigung läuft.

Doch der wäre nicht einer der scharfzüngigsten und gleichzeitig auch ungehobeltsten Kabarettisten deutscher Sprache, wenn er nichts zu erwidern wüsste. Er habe sein Auto etwas abseits geparkt und mit einer Sprengladung versehen. Nähere sich nun jemand mit einem Klemmbrett, detoniere die Ladung und verschleudere Katzendreck in alle Richtungen. Wischmeyer ist angekommen auf der Bühne des DT.

Fortan rollt er das Hitler-R und beklagt den Niedergang des Despotentums. Was sei schon ein Putin, der mit nacktem Oberkörper auf einem Pony durch die Steppe reite, gegen einen Führer im offenen Mercedes in Berlin? Die Resonanz auf das Buch und den dazugehörigen Film „Fifty Shades of Grey“ irritiert ihn: Versuchten jetzt die „Normal-Rammler“, sich ihre Bettgenossen „schön zu foltern“?

Wischmeyer mischt in gut zwei Stunden Programm Aktualität mit seiner Comedy-Geschichte und präsentiert Figuren, die er über die Jahre entwickelte. Er kommt als Günther den Treckerfahrer auf die Bühne und als pöbelnder Rentner Willi Deutschmann, der seine voluminöse Gattin nur „der Brocken“ nennt. Der kleine Tierfreund bringt uns Afrika näher, den schwarzen Kontinent, der auf des Tierfreunds Fotos der norddeutschen Tiefebene soll ähnlich zu sein scheint. Als Kurt Krampmeier foppt er Gürgen „Ferkel“ Ferkulat, hier hilft per TV-Einspielung sein alter Weggefährte Oliver Kalkofe aus.

Wischmeyer hat sich an der Bratwurstbude umgesehen und seinen Kampf um die „durchgebruzzelten Riemen“ dort beschrieben. Er telefoniert mit Glasern, die eigentlich gar nicht glasern wollen, und mit Callcentern, die den üblichen Unfug reden.

Das alles kann Wischmeyer, weil er ein bemerkenswerter Bemerker ist. Er sieht die Untiefen des Lebens glasklar, manchmal spürt er sie auch nur. Scharfsinnig und geistvoll treibt er sie auf die Spitze, er übertreibt, dass es eine Wucht ist. Dazu kennt er Wörter wie kaum ein anderer – oder er erfindet sie einfach. Das ist so schreikomisch, dass sich das Publikum schallend durch den Abend lacht.

Am schallendsten bei Wischmeyers Schilderung einer Dorfheirat mit allem Furz und Feuerstein. Mindestens 15 Minuten lang jagt ein Komikglanzlicht das nächste. Wischmeyer in Hochform, ein brillanter Denker und wahrscheinlich zunehmend misanthropischer.

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