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Documenta Kassel feiert 60. Geburtstag

Thema des Tages Documenta Kassel feiert 60. Geburtstag

Vor 60 Jahren ist die Documenta in Kassel zum ersten Mal eröffnet worden. Anfangs alle vier Jahre, später alle fünf traf sich in Nordhessen die Kunstwelt, weshalb die Schau zur Weltkunstausstellung wurde. Arnold Bode hatte die Idee und war auch in den ersten Jahren für die Umsetzung verantwortlich.

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Documenta-Ausstellungsplakate im Documenta-Archiv in Kassel.

Quelle: dpa

Kassel. Später dann wurde immer ein Kurator installiert, der der Schau seinen Stempel aufdrückte. Joseph Beuys war häufig mit Kunst vertreten, die gerne auch zum Aufreger avancierte. Andere zeigten Werke, die Wahrzeichen wurden. In den kommenden Tagen feiert Kassel seine große Kunsttradition.

Ein Verwaltungsakt passt so gar nicht zur Documenta – und doch ist es ein Meilenstein zur künftigen wissenschaftlichen Erforschung der weltweit bedeutendsten Ausstellung zeitgenössischer Kunst. Zum 60. Geburtstag der Documenta am Mittwoch, 15. Juli, übergibt die Stadt Kassel das Documenta-Archiv offiziell an die Documenta GmbH, die von Kassel und dem Land Hessen getragen wird. Damit verbunden ist eine bessere finanzielle Ausstattung des Archivs. Die Stadt Kassel geht damit einen ersten Schritt zu einem wissenschaftlichen Institut zur Erforschung der Weltkunstausstellung. 2020 solle das interdisziplinäre Institut kommen, sagte Kassels Kulturamtsleiterin Dorothée Rhiemeier. Zu dem jährlichen kommunalen Beitrag von rund 500 000 Euro gibt das Land nun die gleiche Summe hinzu. Mit dem Übergang sei das Archiv noch mehr in der Lage, Forschungsprojekte zu initiieren, sagte Rhiemeier. An der Universität Kassel wird zudem das Forschungsprojekt zur Documenta 2016 ausgebaut. Beides soll dann bis 2020 in ein außeruniversitäres Documenta-Institut einfließen, an dem außer dem Land Hessen auch der Bund beteiligt werden soll. „Wir hoffen, dass der Bund dabei ist“, sagte Rhiemeier.

 
Der 60. Geburtstag der Documenta wird mit einer Festwoche von Mittwoch, 15., bis Sonntag, 19. Juli, gefeiert. Geplant sind unter anderem ein Documenta-Fest sowie Vorträge, Konzerte und Führungen zur Ausstellungsgeschichte. Am 16. Juli wird eine Retrospektive des belgischen Künstlers Marcel Broodthaers (1924-1976) eröffnet. Glanzlicht ist ein Symposium, in dem am Freitag und Sonnabend die Leiter der vier vergangenen Documenta-Ausstellungen und der Leiter der kommenden Documenta 14, Adam Szymczyk, über die Konzepte der Weltkunstausstellung diskutieren. dpa

 

Der Anfang
1955: Arnold Bode und Bundespräsident Theodor Heuss (v.l.). Foto: epd

1955: Arnold Bode und Bundespräsident Theodor Heuss (v.l.). Foto: epd

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1955 öffente die erste Documenta in Kassel ihre Pforten. Ohne Arnold Bode (1900-1977) hätte es die Schau wohl nicht gegeben. Er gründete 1948 mit Künstlerfreunden die Kasseler Kunstakademie neu, die 1932 geschlossen worden war. Schon 1946 entwickelte er erste Pläne für eine Ausstellung, die eine Lücke schließen sollte, die die Nationalsozialisten mit der Etikettierung „Entartet“ hinterlassen hatten. Bode wollte an die Welt-Avantgarde anknüpfen, die seit den 1930er-Jahren in Deutschland nicht mehr zu sehen war. Wie seine Ausstellung aussehen sollte, hatte er bereits im Jahr 1929 erprobt. In diesem Jahr war er beteiligt an der Organisation der „Vierten Großen Kunstausstellung Kassel – Neue Kunst in der Orangerie“.

 
Bode übernahm deren Organisationsstruktur und ließ später die Documenta wie auch ihren Vorläufer vom 1. Juni bis zum 1. September laufen. Ab 1964 nannt er die Documenta auch das „Museum der 100 Tage“. Bode plante die Documenta parallel zur Bundesgartenschau – und setzte sie schließlich gegen viele Widerstände durch. Denn Bode war erfindungsreich und ausgesprochen hartnäckig. So wird er immer beschrieben. Auch einen Ort für seine Ausstellung hatte er schnell gefunden: die Ruine des Fridericianums, die inmitten des zerstörten Kassel thronte.

 
In Mailand hatte Bode im Palazzo Reale eine Picasso-Schau gesehen, die dort auch in einer rohen Umgebung inszeniert war. Eine Liste der Künstler, die schließlich bei der Documenta ausstellen sollte, präsentierte er bald. Wenig überraschend, dass der Kern der Künstler bereits in der Ausstellung 1929 vertreten war. pek

 
Die Aufreger
7000 Basaltstelen lies Joseph Beuys 1982 in Kassel aufschichten. Foto: epd

7000 Basaltstelen lies Joseph Beuys 1982 in Kassel aufschichten. Foto: epd

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Eine ganze karre Mist lud der Bauer Thies Christophersen aus der gegend um Kiel vor dem Fridericianum ab. Gegen westliche Dekadenz wandte er sich damit – und gegen das Vordringen von Frauen in die Öffentlichkeit. Immer wieder gern angeprangert: das Verschleudern öffentlicher Gelder, gegen das auch Christophersen protestierte.

 
Als Walter de Maria 1977 seinen vertikalen Erdkilometer in den Friedrichsplatz rammte, stieß das vielen Kasselern auf. Das Ding sei ja nicht mal zu sehen, monierten viele. Joseph Beuys polarisierte bei allen seinen Auftritten, meist wurde seinen Arbeiten das fehlen von Kunst angelastet. So auch den 7000 Eichen, die er gemeinsam mit 7000 Basaltstelen in der Stadt pflanzen lassen wollte. Vor dem Fridericianum türmte sich der Steinberg, der aber in den fünf Jahren bis zur nächste Documenta abgebaut wurde. Noch Jahre später polemisierte ein regionales Anzeigenblatt, die Basaltstelen seien Todesfallen für Motorradfahrer.

 
Die Documenta 13 hatte immerhin einen Hund zu bieten, der mit rosafarbenen Beinen durch die Karlsaue lief. Doch da waren die Kasseler und ihre internationalen Gäste schon nicht mehr so leicht aus der Fassung zu bringen. Seit Jan Hoet, der den Kasselern ihren Himmelsstürmer brachte, jene Figur, die auf einem 25 Meter langen Rohr in Richtung Himmel unterwegs ist, lieben die Einheimischen ihre Documenta. Hoet, der nicht nur ein begnadeter Kommunikator war, sondern in seinen jungen Jahren auch ein Amateurboxer, erhob in seiner Documenta auch den Faustkampf in den Rang der Kunst. pek

 
Die Macher

► Arnold Bode hatte die Documenta 1955 begründet. 130 000 Menschen wollen die Ausstellung sehen, die Künstler präsentierte, die die Nationalsozialisten als „entartet“ gebrandmarkt hatten – also eigentlich eine historische Schau mit Werken von Barlach, Kandinsky, Macke und anderen.
 

► 1959 zeigte Bode dann zum ersten Mal Zeitgenössisches. Diesmal kamen 134 000 Besucher zu den Bildern von Chagall, Kokoschka, Nolde und 389 anderen Künstlern. Seine letzte Documenta organisiert Bode 1964. 280 Künstler lud er dazu ein. Vor allem die kinetische Kunst beeindruckte die Menschen und lockte 200 000 Besucher an.
 

► 1968 fand sich ein Documenta-Rat aus 24 Mitgliedern, darunter auch Bode. In diesem Hauptjahr der Studentenrevolte gab es auch bei der Documenta-Eröffnung Krawall. Die Störer bemängelten das Fehlen verschiedener Kunstrichtungen. 150 Künstler präsentieren vor allem Pop-Art, Happenings und Aktionskunst – eigentlich passend zur Zeit. 220 000 Besucher kauften dafür Eintrittskarten.
 

► Der Schweizer Harald Szeemann kuratierte die Documenta 1972. Fotorealisten beeindruckten 228 000 Besucher, und Joseph Beuys eröffnete sein „Büro der Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung“.
 

► Dann ändert sich der Ausstellungsrhythmus, alle fünf Jahre soll die Documenta jetzt laufen. Manfred Schneckenburger übernimmt die Leitung. 343 000 Besucher wollen seine Auswahl erleben und entdecken unter anderem die legendäre „Honigpumpe“ von Beuys.
 

► 1982 beschert Rudi Fuchs der Stadt Kassel zwei Wahrzeichen, die noch heute präsent sind: die mächtige Spitzhacke von Claes Oldenburg in der Fuldaaue und die 7000 Eichen von Joseph Beuys. Die Nachfrage steigt weiter: 380 000 Menschen wollen dabei sein. 475 000 Besucher kommen 1987, wieder leitet Schneckenburger. Im Zentrum: Videokunst und Performances.
 

► 1992, die Mauer war gefallen, servierte Jan Hoet 600 000 Besuchern eine sehr saftige, emotionale Documenta mit vielen großartigen Malern – und der 25 Meter hohen Skulptur „Man walking to the sky“ von Jonathan Borofsky, die auch heute noch im Kassel steht.
 

►1997 übernahm die Französin Catherine David, die die Schau auch elektronischen Medien öffnete und die Documenta intellektualisierte. Diesmal kamen 630 000 Besucher.
 

► Der Nigerianer Okwui Enwezor öffnet 2002 die Kasseler Schau der Welt und macht sie zum ersten mal wirklich zu einer Weltkunstausstellung. Mit 118 Teilnehmern lud er sehr wenige Künstler ein – und schaffte dennoch einen neuen Rekord: 650 000 Besucher.
 

►Roger Martin Buergel lud den chinesischen Künstler Ai Weiwei ein, der wiederum 1000 Landsleute nach Kassel einlud und sie als Kunstwerk durch die Stadt schlendern ließ. Auch baute er einen Holztempel, der beim ersten Sturm zusammenbrach – und zu einem neuen Werk wurde. Die Bilanz: 754 000 Besucher.
 

► 2012 schaffte die Documenta-Chefin Carolin Christov-Bakargiev einige Rekorde: fast 300 Künstler werden eingeladen, mehr als 60 Ausstellungsorte bezieht sie ein, darunter Kabul und Kairo. Die nun endgültig zur Weltkunstausstellung gewordene Schau interessiert immerhin stolze 860 000 Besucher.
 

►Leiter der Documenta 14 ist der Pole Adam Szymczyk. Sie soll am 10. Juni 2017 eröffnet werden, zumindest in Kassel. Schon im April soll die Documenta in Athen beginnen. Szymczyk ernennt die griechische Hauptstadt zur gleichberechtigten Ausstellungsstätte. pek

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