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Doris Dörries „Diebe und Vampire“ entzaubert das Schriftstellertum

Training für den Schreibmuskel Doris Dörries „Diebe und Vampire“ entzaubert das Schriftstellertum

In ihrem neuen Roman „Diebe und Vampire“ setzt sich Doris Dörrie kritisch, doppelbödig und unterhaltsam mit ihrer eigenen Zunft, der Schriftstellerei, auseinander. Beim Göttinger Literaturherbst wird sie das Buch am Sonntag, 11. Oktober, im Deutschen Theater vorstellen.

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Regisseurin und Schriftstellerin: Doris Dörrie.

Quelle: Theodoro da Silva

Göttingen. Die junge Studentin Alice trudelt so durchs Leben, immer auf der Suche nach Halt und auf der Flucht vor Einsamkeit, gegen die sie nur zwei Waffen kennt „Bücher und Männer“. Mit ihrem sehr viel älteren Liebhaber, einem gutsituierten, verheirateten Dermatologen, macht sie Urlaub in Mexiko und trifft dort ihre „Meisterin“.

Die ist 30 Jahre älter, elegant und souverän im Auftreten und übt den Traumberuf der jungen Deutschen aus: Schriftstellerin. Fasziniert von der eisernen Schreibroutine der Amerikanerin, sucht Alice nach einer Möglichkeit, mit ihr in Kontakt zu kommen. Die bietet sich, als sie einen Zeitungsartikels über den 15-jährigen Fernando entdeckt, der ins Gefängnis gekommen ist, nachdem er versucht hatte, den Großgrundbesitzer zu töten, der zuvor seinen Vater hatte erschießen lassen. Alice᾽ Idee, damit eine Story gefunden zu haben, die eine Schriftstellerin brennend interessieren müsste, zündet, und sie kommt in Kontakt mit ihrem Idol.

Zusammen setzen sie sich in naivem Aktionismus für die Verlegung des Jungen in ein Jugendgefängnis ein. Doch die erfolgreiche Autorin warnt sie: „Ich bin eine Vampirin und Diebin“. Was das bedeuten soll, erfährt Alice am eigenen Leib, als sie der typisch amerikanischen leichtfertigen Einladung der „Meisterin“ nach San Francisco folgt.

Der Handlungsbogen des dreiteiligen Romans spannt sich über rund 20 Jahre. Während dieser Zeit bekommt die sich ständig an wechselnde Männer klammernde, labile Protagonistin zur Überraschung des Lesers noch eine langjährige Beziehung zustande und avanciert tatsächlich zur Bestsellerautorin. Ausgerechnet mit einem Selbsthilfebuch bei Schreibblockaden mit dem herrlich reißerischen Titel „Sei ein Held! Schreib!“ schafft Alice den Durchbruch. Aber die Freude darüber bleibt aus: „Ich habe einen Bestseller über das Schreiben geschrieben und seitdem nichts geschrieben.“

Dörrie entlarvt in ihrem Roman den Literaturbetrieb und den Schriftstellerberuf, indem sie unglückliche, getriebene und von Kritikern in die Depression getriebene Autoren beschreibt, die Angst vor der Produktivität der anderen haben und in Vampirmanier Geschichten aus Menschen saugen. Das Schreiben hat bei Dörrie nichts Mystisches, Ekstatisches. Die Rede ist vom „Schreibmuskel“, der wie jeder andere Muskel regelmäßig trainiert werden will, das Schreiben beschreibt die Meisterin mit den Worten, „man geht Tag für Tag in den Dschungel und hofft, dass man nicht gefressen wird“ .

Wieder kann Dörrie mit ihrer klaren schnörkellosen Sprache und ihrer Beobachtungsgabe trumpfen. Sie ist eben nicht nur als Regisseurin Meisterin im Kreieren von Bildern, sondern auch als Schriftstellerin. Unterhaltsam und empfehlenswert ist „Diebe und Vampire“ für alle, die gern einen Blick hinter die Kulisse des Künstlerdaseins werfen. Doch wirkt die Verlorenheit und Haltlosigkeit der Protagonisten nervt auf weite Strecken.

Doris Dörrie: „Diebe und Vampire“, Diogenes, 224 Seiten, 21,90 Euro.

Die Autorin stellt den Roman am Sonntag, 11. Oktober, um 17 Uhr im Deutschen Theater, Theaterplatz 11, vor.

Von Marie Varela

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