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Drei Erstaufführungen im Aulakonzert in Göttingen

Verfolgungsjagden in der „Zaubernacht“ Drei Erstaufführungen im Aulakonzert in Göttingen

Gleich drei Erstaufführungen an einem Abend – die Göttinger Kammermusikgesellschaft hat die Saison der Aulakonzerte am Sonntag in der Aula der Universität mit einem besonders aparten Abend abgeschlossen.

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Aulakonzert mit dem Arte-Ensemble aus Hannover mit dem Göttinger Pianisten Gerrit Zitterbart am Klavier.

Quelle: Heller

Göttingen. Auf dem Programm standen Kompositionen von Sergej Prokofjew, Franz Hofmann und Kurt Weill, die mit größter Wahrscheinlichkeit noch nie hierorts erklungen sind.

Bei Prokofjews „Ouvertüre über hebräische Themen“ ist die ungewöhnliche Besetzung – Streichquartett mit Klarinette und Klavier – wohl der hauptsächliche Grund für die Seltenheit der Aufführung. Der bei Kriegsende 1945 im Alter von nur 25 Jahren umgekommene deutsche Komponist Franz Hofmann war in der Nachkriegszeit völlig in Vergessenheit geraten. Und die Noten zu Kurt Weills 1922 komponierter Kinderpantomime „Zaubernacht“ waren jahrzehntelang verschollen, bis sie erst 2005 in einem übersehenen Safe in New York wieder auftauchten.

Zu Gast war das Arte-Ensemble aus Hannover, das sich aus Mitgliedern der Radio-Philharmonie Hannover und dem Göttinger Pianisten Gerrit Zitterbart zusammensetzt. Für Weills „Zaubernacht“ sind zehn Musiker nötig – kein Problem, denn das Arte-Ensemble spielt in variabler Besetzung.

Angesichts des außergewöhnlichen Programms war der Publikumszuspruch beachtlich, es gab nur wenige freie Plätze. Die Risikobereitschaft der Zuhörer wurde belohnt mit drei ausgesprochen spannenden Entdeckungen. Die 1919 entstandene Prokofjew-Ouvertüre ist ein melancholisch-unterhaltsames Stück Klezmer¬musik, in der dem Genre entsprechend vor allem die Klarinette das Sagen hat. Sie zieht alle Register zwischen zärtlichem Schmeicheln, beredter Klage und fröhlichen Tanzrhythmen. Sehr einfühlsam musizierten Streicher und Klavier mit der wunderschön weich intonierenden Klarinette (Guido Schäfer) zusammen.

1944, ein Jahr vor seinem frühen Tod, schrieb Franz Hofmann das Quintett h-Moll für Flöte, Klarinette, Geige, Bratsche und Cello: ein zartes, eher introvertiertes Stück mit warmem Ausdruck, stilistisch etwa auf der Linie von Richard Strauss und Hans Pfitzner, bisweilen etwas grüblerisch im Ton, zurückhaltend im Gestus. Der intime Reiz dieses schön gearbeiteten Quintetts, vom Arte-Ensemble eigens für dieses Konzert einstudiert, konnte sich aufs Schönste entfalten. Stellvertretend seien der Flötist Christoph Renz und die souveräne Geigerin Kathrin Rabus, Primaria des Ensembles, genannt.

Den Höhepunkt aber hatten sich die Musiker für den Schluss aufgespart. Kurt Weills „Zaubernacht“ ist ein wunderbar farbiges Werk, das auch bei dieser konzertanten Aufführung sehr wohl seine szenischen Qualitäten unter Beweis stellte. In der Pantomime geht es um unbeschwert spielende Kinder, ihre Trauer um die Puppe oder wilde Verfolgungsjagden, um nur einige Beispiele zu nennen. Die Bilder dazu stellen sich rasch in der Fantasie ein – besonders dann, wenn die Musiker ihren Part mit derart sprechendem Ausdruck und musikalisch präziser Gestik darstellen. Sie hatten an diesem Abend das Publikum zugleich begeistert und verzaubert.

Von Michael Schäfer

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