Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
„Drei Mal Leben“ am Staatstheater Kassel

Das Sofa wird zur Bühne „Drei Mal Leben“ am Staatstheater Kassel

In Göttingen werden mehr Frauen durch die Gegend getragen als in Kassel. Dieser Unterschied zu Kassel ergibt sich zumindest beim Vergleich der beiden Inszenierungen von „Drei Mal Leben“ - die werden zur Zeit von Theatern in beiden Städten gegeben.

Voriger Artikel
Jan Jahn mit „Kein schöner Land?“ im Apex
Nächster Artikel
Kabarettkonzert zum Bistumsjubiläum: „Matthias Brodowy – In Begleitung“

Stellen Beziehungsstress dar: Probenaufnahme mit Jürgen Wink, Caroline Dietrich, Christina Weiser und Christian Ehrich (von links).

Quelle: Klinger

Kassel. Nach der Premiere am Jungen Theater (JT) in Göttingen im März, feierte am Sonnabend auch am Staatstheater Kassel „Drei Mal Leben“ Premiere. Dort inszenierte Eva Lange das Stück aus der Feder der französischen Autorin Yasmina Reza.

Es treffen zwei Paare aufeinander, die in wechselnden Konstellationen alle Facetten menschlichem Sozialempfindens durchmachen: von Liebe bis tiefer Abneigung, von erotischen Verlangen bis hasserfüllter Abscheu. Immer wieder verletzten die Figuren die Grenzen guten Benehmens, provozieren, brüllen und bringen so einander zur Weißglut. „Es müsste Frauen geben, die man von Zeit zu Zeit abstellen kann“, sagt Hubert Finidori, gespielt von Jürgen Wink, und stichelt dabei sowohl offen gegen seine eigene Frau als auch gegen die seines Arbeitskollegen.

Darf man seiner Partnerin sagen, dass sie eine schlechte Mutter ist? Darf man dem Kollegen des Ehemannes, der über Beförderung und weiteren Karriereweg entscheidet, sagen, dass dieser sich wie ein unsensibler Kotzbrocken aufführt? Solche Fragen spielt „Drei Mal Leben“ durch. Dabei wird gefeiert und gestritten, gelacht und geschrieen.

Schauspielerisch überzeugt dabei vor allem Alina Rank, die allein mit ihrer Stimme enorm viel an Empörung und Abscheu darlegen kann. Eine glänzende Darstellung, auch vor dem Hintergrund, dass Rank zur Premiere die erkrankte Erstbesetzung Caroline Dietrich vertritt und nur etwas mehr als zwei Tage Zeit für die Einarbeitung hatte.

Der entscheidende Unterschied zwischen den Inszenierungen in Göttingen und Kassel ist der Umgang mit Körper und Text. Am JT wird ein sehr körperliches Stück gespielt. Figuren werden umhergeschleudert, man rempelt sich an, man tanzt eng zusammen. Das führt zu einer Reihe von Slapstickeinlagen, die sich bisweilen als eher plump denn amüsant erweisen. In Kassel lässt Regisseurin Lange ihre Figuren dagegen mit Worten aufeinander treffen. Sie stellt damit eher den Text in den Vordergrund. Dagegen schafft es die Göttinger Inszenierung, das sich rasch verändernde Personengefüge schneller und klarer zu verdeutlichen, und die Abhängigkeiten stärker herauszuarbeiten. Wer gerade mit wem, wer auf wessen Seite, wer gegen wen zetert, das kommt im JT besser rüber.

Besonders gelungen ist in der Inszenierung in Kassel das Bühnenbild, für das Gabriela Neubauer verantwortlich ist. Auf der Bühne steht ein riesiges Sofa, das wie eine Bühne benutzt wird. Das Sofa als Bühne weist auf einen wesentlichen Punkt der Story hin: der Besuch bei Freunden ist immer auch eine Selbstinszenierung. Gut vor anderen dastehen, das gelingt durch das Hervorheben eigener Leistung, wie der Astrophysiker Henri (Christian Ehrich), der seine Autorenschaft für eine baldige wissenschaftliche Veröffentlichung gerne betont. Aber es funktioniert auch mit der Strategie von Ines Finidori (Christina Weiser), die immer wieder offen ihren Mann anklagt.

Ein spannendes Stück, das von den ganz alltäglichen Abgründen im menschlichen Wesen erzählt. Sehenswert.

Von Daniela Lottmann

Weitere Vorstellungen von „Drei Mal Leben“ im Staatstheater Kassel am 18. April, 1., 9., 13., 16. Mai um 19.30 Uhr. Kartentelefon (0561) 1094-222

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Die Milchbar im Nörgelbuff