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„Dresdner Requiem“ mit Jacobichören und GSO-Musikern in Göttingen

Unendliches Leid „Dresdner Requiem“ mit Jacobichören und GSO-Musikern in Göttingen

Ein Requiem ist eine Totenmesse. Die Trauer um den Verstorbenen ist in dieser Liturgie mit der Hoffnung auf ewige Ruhe und ewiges Licht verschränkt. Auf ähnliche Weise dürfte der Dresdner Kreuzkantor Rudolf Mauersberger  (1889-1971) das Kriegsende vor 70 Jahren erlebt haben.

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Ergreifend: der Gesang des großen Chores der Jacobikantorei.

Quelle: Heller

Göttingen. Dies hat der Komponist 1947/48 in seinem „Dresdner Requiem“ musikalisch zum Ausdruck gebracht, das am Sonnabend als Göttinger Erstaufführung unter der Leitung von Stefan Kordes in der Jacobikirche zu erleben war.

Der Dresdner Aufführungstradition entsprechend wurde dem Requiem die Trauermotette „Wie liegt die Stadt so wüst“ vorangestellt, die Mauersberger nach der Zerstörung Dresdens im Februar 1945 geschrieben hat.

Auf ergreifende Weise erweckt diese Motette Gefühle von Trauer und schier unendlichem Leid. Die biblischen Texte der Motette aus den Klageliedern Jeremias klingen, als seien sie eben für diese Katastrophe geschrieben: „Er hat ein Feuer aus der Höhe in meine Gebeine gesandt und es lassen walten.“

Ähnliches gilt für das Requiem, das Mauersberger „den Toten des grausigen Geschehens der letzten Jahre“ gewidmet hat. Hierfür hat er Prophetenworte aus dem Alten Testament, dem Buch der Weisheit und aus den Apokryphen gewählt, dazu Christusworte aus dem Johannes-Evangelium und aus der Offenbarung sowie Kirchenlied-Strophen.

Die Sprachgewalt der Texte wird durch die vergleichsweise schlichte, vorwiegend homophone Vertonung intensiv verstärkt. So intensiv, dass die Zuhörer immer tiefer in das Geschehen hineingezogen wurden und geradezu gebannt lauschten.

Das ist nicht allein der Komposition geschuldet, sondern mindestens ebenso der fesselnden Aufführung. Der große Chor der Jacobikantorei stand auf dem Podest hinten im Altarraum, ein kleiner Favoritchor in Kurrendekleidung vorn am Altar ist den Christusworten zugeordnet.

Dazu kommt ein Fernchor: der Kammerchor St. Jacobi auf der Orgelempore, vom Sub-Dirigenten Arne zur Nieden geleitet. Kordes hielt das Ganze von der Kanzel aus dirigierend zusammen. Diese Position ist nicht nur organisatorisch, sondern auch liturgisch sinnvoll, denn der Kantor fungiert hier als Verkünder des biblischen Wortes.

Die Trauermotette und der größte Teil des Requiems werden a cappella gesungen. Das ist durchaus eine Herausforderung für die Choristen, die sie über weite Strecken perfekt bewältigten. Und wenn einmal ein Einsatz tonlich etwas unscharf geraten war, fand man binnen weniger Augenblicke wieder harmonisch zusammen.

Gewaltig wirken die Stellen, an denen Instrumente – souverän gespielt von Mitgliedern des Göttinger Symphonie-Orchesters – hinzutreten: Blechbläser, Schlagzeug, Kontrabass sowie Celesta (Miriam Puls) und Orgel (Mathias Herbst).

Wobei die Posaunenbegleitung der Choräle einer sächsischen Begräbnistradition entspricht. In zwei Chorälen ist ausdrücklich die Gemeinde zum Mitsingen eingeladen. Das schafft ein sehr bewegendes Gemeinschaftsgefühl.

Dass am Ende jeglicher Beifall unpassend war, spürte das gesamte Publikum. Wie tief es von diesem Erlebnis angerührt war, konnte man sehr wohl auch ohne akustische Äußerungen wahrnehmen. Manche Zuhörer bekannten beim Herausgehen, sie hätten die Tränen nicht zurückhalten können.

Von Michael Schäfer

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