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Duo Christians und Schwenk mit „J.U.D.I.T.H.“ im Jungen Theater Göttingen

Radikal nackt Duo Christians und Schwenk mit „J.U.D.I.T.H.“ im Jungen Theater Göttingen

Mit der Performance „J.U.D.I.T.H.“ haben Marja Christians und Isabel Schwenk beim II. Göttinger Festival der Freien Theater am Freitag im Jungen Theater gastiert. In einer Orgasmuslandschaft stellte das Duo aus Hildesheim radikal und schräg Herrschafts- und Machtverhältnisse in Frage.

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Mit der Performance „J.U.D.I.T.H.“ haben Marja Christians und Isabel Schwenk beim II. Göttinger Festival der Freien Theater am Freitag im Jungen Theater gastiert.

Quelle: Heller

Göttingen. „Dieser Abend wird explizit. Das kann bei euch Irritationen oder Aggressionen auslösen.“ So lautet die Warnung vorab. Statt in einiger Distanz auf der Bühne wird die „Boy-meets-Girl-Story“ im hell erleuchteten Zuschauerraum direkt vor den zwölf Zuschauern gespielt.

Angelehnt ist die Performance an Friedrich Hebbels Drama „Judith“, in dem Judith dem Feldherrn Holofernes den Kopf mit dem Schwert abschlägt. Aber davon bleibt letztlich nur ein skelettiertes Handlungsgerüst. Denn eigentlich geht es in einer ständig wechselnden Bilderwelt um Macht, gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse und strukturelle Gewalt. Diese Judith ist „stark, gut gebaut, schön und weiß“, und darin das exakte Pendant des Holofernes.

Im zweiten Akt setzen sich die Performerinnen zwischen die Zuschauer und erzählen, die Blicke der Beobachter fixierend, von sexuellen Präferenzen und Spielereien. Und ihre Provokation drehen sie im dritten Akt noch weiter. Zu den Worten kommt die körperliche Komponente, die unverhohlene Nacktheit.

Ihre radikale Nacktheit konterkarieren Christians und Schwenk mit Komik und Absurdität. Sie wackeln explizit mit den Pobacken. Gegenseitig streicheln die Frauen ihre überdimensionalen Schamhaarperücken. Ein Dildosaurier tapst durch die Landschaft und eine Vulva singt. Eine Kette aus Dildos wird nach dem Zusammenstöpseln laut ploppend wieder demontiert.

Huckepack auf den Schultern sitzend übergießt eine der Frauen die andere mit rotem Fruchtsaft, die Enthauptung des Holofernes zelebrierend. Ein auf der Stirn ragender Dildo erinnert an ein Wesen zwischen Einhorn und Faschingskäfer. Die Szenen sind grotesk. Lachen dient hier als Ventil.

Trotz der expliziten Nacktheit ist die 50-minütige Performance weit entfernt davon, sexuell aufgeladen zu sein. Immer wieder blicken Christians und Schwenk den Zuschauern direkt in die Augen. Süffisant grinsend, provokativ den Blick haltend. Der Beobachter wird beim Beobachten beobachtet. Er wird Teil des Spiels, das sich auch in einem Nachgespräch im Dunkeln fortsetzt.

Die eigene Machtposition hinterfragend spielen die Spielerinnen mit Machtstrukturen. Sie zwängen den Zuschauern ihre Gedanken, Bilder und Blicke auf. Hier geht es auch direkt spürbar, sichtbar und erfahrbar um Machtstrukturen. Der Abend ist komisch und schräg, verstörend und radikal gleichermaßen.

Von Karola Hoffmann

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