Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -6 ° wolkig

Navigation:
Dystopie und Weltreligion

Gespräch mit Boualem Sansal und Leila Chammaa Dystopie und Weltreligion

Der algerische, frankophone Autor Boualem Sansal hat im Literarischen Zentrum mit der Islamwissenschaftlerin Leila Chammaa über Bürgerkrieg und Religion gesprochen. Das geplante Streitgespräch auch um Islam und Islamismus wollte sich zwischen den beiden aber nicht so recht entwickeln. Um Islam und Islamismus sollte es in dem Streitgespräch gehen.

Voriger Artikel
Hommage an die Gitarre
Nächster Artikel
Tickets fürs GOP-Varieté "La Luna"

Der algerische, frankophone Autor Boualem Sansal.

Quelle: CRO

Göttingen. „2084. Das Ende der Welt“ heißt Sansals Buch in Anlehnung an „1984“ von Orwell. Handlungsort der Dystopie ist Abistan, ein theokratischer Staat, in dem Abi als Stellvertreter Gottes regiert. Es gibt keine Bürger, sondern Gläubige. Vorschriften und Gebote strukturieren den Alltag.

Sansal hinterfragt in seinem Buch die Wirkungsmacht von Religion und zeichnet ihr Wesen nach. Detailliert beschreibt er Praktiken und Symbole, denen er ausgedachte Namen und Bezeichnungen gibt. Die Unwissenheit ist allgegenwärtig, dort wo der Glauben beginnt. Denn nur die Pilger dürfen reisen. Alle anderen können nicht wissen, was in dem weltumspannenden, religiösen Staat passiert. Und das Geheimnisvolle eines Gottes und eines Feindes, den man nicht näher benennen kann, steigert die Glaubwürdigkeit.

Das Buch:

Boualem Sansal: „2084. Das Ende der Welt“, 288 Seiten, Merlin, 24 Euro.

Die arabisch anmutenden Wortneuschöpfungen Sansals wie auch die erfundene Religion lassen eine Anlehnung an den Islam vermuten. Die Islamwissenschaftlerin und Übersetzerin Chammaa war deswegen zu dem Streitgespräch geladen worden. Doch die Diskussion gestaltete sich schwierig. Sansal spricht Französisch. Deswegen dolmetschte Annette Casasus das Gespräch. Chammaas Fragen und Forderungen nach Konkretisierungen und Begriffsdefinitionen von Islam und Islamismus, liefen ins Leere. Auf ihre Gesprächsaufforderungen reagierte Sansal kaum.

Der algerische Schriftsteller erklärte den Zuhörern so interessant wie ausschweifend die Geschichte des Islam, der sich in vier große Strömungen unterteile: Shiiten, Sunniten, die Muslimbrüderschaft und einen aufgeklärten Islam. Die heutigen Konflikte begründeten sich in einem innerislamischen Konflikt. Vertreter der vier Glaubensströmungen stritten darüber, wer die große Vision des Islam, eine Renaissance, durchführen soll. „Sie stellen es so dar, als stünde der Islam und der Islamismus in keinem politischen Kontext oder Bezug zur Außenwelt“, kritisierte Chamaa Sansals Ausführungen. „Sie haben die Kolonialisierung komplett ausgelassen.“

Zwischen den Buchdeckeln ist es möglich, eine detaillierte und lange Genese eines Gedankengangs auszubreiten. Im Streitgespräch jedoch kam Sansal nicht auf den Punkt, was ebenjenes unmöglich machte. Alle frankophilen Besucher dürften trotzdem zufrieden gewesen sein. Viel Französisch gesprochen hat er nämlich.

Von Jorid Engler

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Die Milchbar im Nörgelbuff