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Eckart von Hirschhausen in der Stadthalle Göttingen

„Sind wir nicht alle ein bisschen Vodoo?“ Eckart von Hirschhausen in der Stadthalle Göttingen

Blinddarm-Operation auf der Bühne in der ausverkauften Stadthalle. Keine Narkose für den Patienten, nur Trance. Das Blut läuft den Bauch herunter. Eigentlich muss Alexanders Wurmfortsatz aber gar nicht raus. Egal, Gernhardts Kragenbär schaut dem behandelnden Arzt über die Schulter.

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Hat ein paar alte Tricks mitgebracht: Eckart von Hirschhausen.

Quelle: Pförtner

Göttingen. Also kann der Eingriff nur unter einem guten Stern stehen. Aber Eckart von Hirschhausen hat es gar nicht auf das Anhängsel des Blinddarms des Promotionsstudenten aus dem Publikum abgesehen, sondern auf die Lachmuskeln der Zuschauer. Der Kabarettist gastierte mit seinem Programm „Wunderheiler“ in Göttingen.

Hirschhausen ist ausgebildeter Arzt. Er studierte Medizin mit einem Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes an der Freien Universität Berlin, der Universität Heidelberg sowie am Royal Free Hospital in London. 1994 wurde er promoviert. Als Student zauberte er sich seinen Lebensunterhalt zusammen.

Er habe seine alten Tricks mitgebracht, sagt Hirschhausen. Unter anderem zeigt der Kabarettist Kartenzauber, zerreißt Zeitungen – die plötzlich wieder ganz sind – und verbindet alles geschickt mit Geschichten aus seinem Leben und der Medizin. „Wir denken gerne magisch“, sagt der Hirschhausen und berichtet von einem Kunststück, das er vor vielen Jahren aufgeführt hat.

„Verlassen Sie möglichst schnell das Haus!“

Zunächst seien seine Zuschauer nicht beeindruckt gewesen. Später erweiterte er den Trick durch ein Pendel und hatte mehr Erfolg. Magisch war daran allerdings nichts, sagt Hirschhausen. Lediglich seine Muskelbewegungen haben es zum Schwingen gebracht.

Ob ein Pendel von allein ausschlagen kann, könne jeder selbst zuhause ausprobieren. „Einfach an die Tür hängen und warten was passiert“, sagt Hirschhausen. Sein ärztlicher Rat, wenn das Pendel tatsächlich anfängt zu schwingen: „Verlassen Sie möglichst schnell das Haus!“.

So unternimmt Hirschhausen einen Streifzug durch die Welt des Magischen, der Wunderheilung und der Medizin – und stellt dabei auf komödiantische Weise Vieles in Frage. Alternative Medizin mehr als die Schulmedizin. Letztere stünde allerdings auch immer auf dem Prüfstand, denn „Wissenschaft ist nur der aktuelle Stand des Irrtums“, sagt Hirschhausen. Aber eigentlich helfe dem Patienten vieles. Er müsse nur daran glauben und „sich etwas Gutes tun“.

„Sind wir nicht alle ein bisschen Voodoo?“

Sport sowie Bewegung seien wichtig für die Gesundheit. Und Voltaire habe damals schon recht gehabt, als er sagte: „Die Kunst der Medizin besteht darin, dem Patienten die Zeit zu vertreiben, während die Natur die Krankheit heilt.“ So witzelt Hirschhausen, regt aber auch zum Nachdenken an.

Spricht vom Organspendeskandal und darüber, dass jetzt viele Menschen keine Spender mehr sein wollen. „Aber wem schadet man wirklich, wenn man nicht mehr spendet?“, fragt der Mediziner. Denen, die an dem Skandal schuld sind, oder den Patienten, die die Organe brauchen?

2008 gründete Hirschhausen die Stiftung „Humor hilft heilen“, die Clowns in Krankenhäuser und Pflegeheime bringt. Humor, den auch Alexander bei seiner inszenierten Operation beweist. Der Kragenbär, laut Hirschhausen „die Original­skulptur“, assistiert mit starrem Blick dem Arzt von seinem Ehrenplatz auf der Bühne. Ein magischer Medizinabend, dessen Botschaft eine Aussage Hirschhausens zusammenfasst: „Sind wir nicht alle ein bisschen Voodoo?“

Von Friedrich Schmidt

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