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Ein Kaiser, der die Welt verändern will

Junges Theater Ein Kaiser, der die Welt verändern will

Der französische Philosoph Albert Camus hat das Stück „Caligula“ 1938 als 25-Jähriger geschrieben. Es war seine erste Arbeit für die Bühne. Im Jungen Theater Göttingen hatte „Caligula“ am Sonnabend in der Regie von Alexander Krebs Premiere. Der Abend gelang grandios.

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Plant eine bessere Welt: Kaiser Caligula (Florian Lenz).

Quelle: Eulig

Es ist ein regelrechtes Brett, was Krebs sich vorgenommen hat. Der Text von Albert Camus ist ungeheuer dicht, ein Kernsatz jagt den nächsten. Das erfordert viel Aufmerksamkeit vom Publikum, das auch in anderer Hinsicht gefordert ist: Die Grausamkeit des römischen Kaisers Caligula, wie Camus sie erdacht hat, ist ungeheuerlich. Dabei ist seine Designierung als künftiger Kaiser von vielen Hoffnungen begleitet.

Dem Volk gilt er als sympathisch und intelligent, den Patriziern als leicht lenkbar. Doch nach der Ermordung seiner Schwester, mit der ihn wohl eine inzestiöse Beziehung verbunden hatte, verschwindet er für einige Tage. Als er wieder auftaucht und sein Herrscheramt übernimmt, ist alles anders. Caligula gebietet mit harter Hand, es fließt Blut. Das des Volkes, aber auch das der herrschenden Schichten.

Die Inszenierung steht und fällt mit der Glaubwürdigkeit Caligulas. Denn nicht Wahnsinn treibt ihn in den Blutrausch. Es sind Logik und Konsequenz, die ihn leiten. Der Kaiser hat den Plan, die Welt zu verändern. So wie sie ist, ist sie schlecht eingerichtet, meint Caligula. Alle Menschen, egal ob Unterdrückte oder Unterdrücker, haben Schuld auf sich geladen. Sie müssen büßen und sollen Verantwortung übernehmen, sollen eine bessere Welt gestalten. Florian Lenz sorgt als Caligula mit einer Glanzleistung dafür, dass der Drahtseilakt der Inszenierung gelingt.

Star des Abends

Lenz spielt ungeheuer facettenreich, überdreht aber nie. Sein Caligula verzweifelt an der Welt, übernimmt Verantwortung, führt hinters Licht. Er überzeugt Feinde, denen er Entsetzliches angetan hat, verdammt Uneinsichtige, wird zum Kind bei seiner Geliebten. Lenz, gerade erst ins Ensemble engagiert, ist der Star des Abends.

Dirk Böther als intellektueller Gegenspieler Cherea, Jörg Rohde als Dichter  Scipio und Verena Saake als Caligulas Geliebte Caesonia haben neben Lenz die Aufgabe, Charaktere auf die Bühne zu bringen. Das gelingt auf hohem Niveau. Der Rest des Ensembles steuert, der Vorlage entsprechend, vor allem Figuren bei. Alle agieren in einem bild- und assoziationsreichen Bühnenbild, das Martin Käser entworfen hat. Vogelkäfige erinnern an den Unterschied zwischen frei und gefangen, ein überdimensionaler Rahmen trennt Palast vom Dreck, den Käser wortwörtlich angehäuft hat: eine Rampe aus dunkler Erde, in der alle wühlen müssen.

Hausregisseur Alexander Krebs hat ganze Arbeit geleistet, er ist der Star hinter den  Kulissen. Seine Regie ist erkennbar und klug. Er hat mit seinem Ensemble bei einer schwierigen Ausgangslage mit diesem kompakten Stück, das Autor Camus immer wieder in Grenzbereiche getrieben hat, einen fast zweistündigen glanzvollen, berührenden, fordernden und intelligenten Abend mit perfektem Timing entworfen. Diese letzte Premiere der Spielzeit im Jungen Theater  zählt zu den stärksten.

Die nächsten Vorstellungen: 28. April, 2., 8., 9., 14. und 15. Mai sowie zahlreiche weitere bis zum 20. Juni um 20 Uhr im Jungen Theater Göttingen, Hospitalstraße 6. Kartentelefon: 0551/495015.

                                                                               Von Peter Krüger-Lenz

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