Volltextsuche über das Angebot:

20 ° / 14 ° wolkig

Navigation:
Ein irrer Jedermann

Kultursommer mit Philipp Hochmair Ein irrer Jedermann

Hugo von Hofmannsthals 1911 uraufgeführtes Theaterstück „Jedermann“ ist ein Klassiker über Gier, Reichtum und fehlenden Glauben. Neues Leben hauchte der Schauspieler Philipp Hochmair dem Text mit seinem Programm „Jedermann reloaded“ am Sonntag im Deutschen Theater ein.

Voriger Artikel
Stoppok rockt das Festzelt
Nächster Artikel
Liederabend „Brahms und Ritmüller“

Eitler Egomane mit Rockstarallüren: Philipp Hochmair gibt einen modernen Jedermann.

Quelle: Peter Heller

Göttingen. Hugo von Hofmannsthals 1911 uraufgeführtes Theaterstück „Jedermann“ ist ein Klassiker über Gier, Reichtum und fehlenden Glauben. Neues Leben hauchte der Schauspieler Philipp Hochmair dem Text mit seiner Performance „Jedermann Reloaded“ am Sonntag im Deutschen Theater ein.

Mit Hochmair haben die Organisatoren des Göttinger Kultursommer einen Schauspieler mit einer beachtenswerten Vita für ein Gastspiel gewinnen können. Der Österreicher, seit 2009 am Thalia Theater Hamburg, hat unter anderem bei Klaus Maria Brandauer studiert, spielte auch am Burgtheater Wien, sowie in diversen Filmen und Fernsehproduktionen. Mit „Werther!“, das 1997 entstand, feierte er große Erfolge mit einem Ein-Personen-Stück. Mit der Band „Die Elektrohand Gottes“ hat er die Performance „Jedermann Reloaded“ entwickelt. Hochmair spielt alle Rollen des Stückes über den Armen, den Schuldner, die Mutter und die Buhlschaft bis hin zum Tod, begleitet von den experimentellen Klängen der Band mit Gitarrist Tobias Herzz Hallbauer, Bassist und Elektroklangkünstler Jörg Schittkowski sowie Alvin Weber am Schlagzeug.

1911 hatte das Stück von Hugo von Hofmannsthal Uraufführung. Seitdem wird es regelmäßig auf den Theaterbühnen gespielt, allen voran bei den Salzburger Festspielen. Hoffmannsthal nahm sich mittelalterliche Mysterienspiele zum Vorbild für seinen streng gereimten Text. Gott zürnt den Menschen, sie denken nur an Reichtum und Macht, ans Feiern und Prassen, der Glaube schwindet. Der Tod soll den reichen, genusssüchtigen Jedermann holen, der gerade den Bau eines Lustgarten für seine Geliebte, die Buhlschaft, bauen will. Neben Jedermann und den Figuren von Gott und Teufel treten auch der Tod, der Mammon, der Glaube und Jedermanns gute Taten als Personen auf. Jedermann sieht sich unerwartet mit dem Tod konfrontiert, der ihn vor seinen Schöpfer führen will. Weder sein Geselle noch seine Freunde noch sein Geld wollen ihn ins Grab begleiten. Erst der Auftritt seiner guten Taten, ein sehr schwächliches Wesen, und des Glaubens bringen ihn dazu, sich zum Christentum zu bekennen. Und so steigt er als reuiger Bekehrter in sein Grab.

Hochmair, Zigarre paffend, mit freier Brust, auf der schwere Ketten baumeln, legt seinen Jedermann zunächst als heiteren, leicht verrückten Egomanen an. Glatt, oberflächlich, gierig, ein bisschen Rockstar, ein bisschen Frauenheld, großzügig, wenn es ihm zum Vorteil gereicht. Einer, der sich in seinem Erfolg sonnt. Verschiedene Mikrofone auf der Bühne, das Jacket, mal hochgezogen über den Kopf, mal weit aufstehend, verschiedene Stimmlagen dienen ihm als Mittel, um die Charaktere darzustellen. Mal werden einzelne Szenen wie Songs angelegt, etwa beim Sprechgesang über den geplanten Lustgarten. Dann wieder gibt er den Text purer oder voller Spielereien. Auf geniale Weise passen und stützen die Klänge, die die drei Musiker ihren teils skurrilen Instrumenten entlocken Hochmairs Spiel.

Die wachsende Panik des Jedermanns wird durch die Steigerung der Musik, die harte Riffs, durch Loops, durch das wiederholte Abspielen der Textpassagen und eingespielter Passagen betont. Und durch ein immer wieder eingeworfenes wie irres Kreischen Hochmairs.

Jedermann reloaded, in der Tat. Dieser alt-ehrwürdige, klassische Theatertext gepaart mit der ausgeklügelten, mal treibenden, mal sphärisch daher kommenden Musik, Hochmairs Energieleistung, sein überaus intensives Spiel, sein Rockstargehabe: das ist ein besonderes, wenn auch stellenweise herausforderndes Erlebnis. Aber eines, das man nicht missen möchte. Und eines, das das Publikum offensichtlich genossen hat. Begeisterter, langanhaltender Applaus.

Von Christiane Böhm

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Regional
NDR2-Soundcheck: Statements von der Open City Stage am Sonntag