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Ein letztes Meisterwerk: Günter Grass’ Buch

Von Särgen und Sehnsüchten Ein letztes Meisterwerk: Günter Grass’ Buch

Wenn man Ende vergangenen, Anfang dieses Jahres Günter Grass in seinem Arbeitshäuschen in Behlendorf besuchte, dann lagen auf dem legendären Stehpult sorgfältig handbeschriebene Blätter, in denen es um Verfall, Abschied, körperliche Gebrechen ging, kurz gesagt: um die Endlichkeit.

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Im Februar 2009 stellt Günter Grass sein Buch „Unterwegs von Deutschland nach Deutschland“ in der Universität vor.

Quelle: Heller

Behlendorf/Göttingen. Auf dem großen Tisch neben dem Stehpult konnte man Zeichnungen sehen, mit dem Bleistift geschaffen. Eines der häufigsten Motive waren tote Vögel.

Grass arbeitete damals an seinem letzten Buch, das jetzt von seinem Verleger Gerhard Steidl in Göttingen vorgestellt wurde. „Vonne Endlichkait“ lautet der Titel, treffend und in seiner mundartlichen Danziger Prägung auch die Rückschau auf ein langes Leben andeutend.

Grass’ letztes Buch, für das er noch den Einband-Stoff, die Druckfarben und auch das Papier ausgesucht hatte, ehe er überraschend am 13. April dieses Jahres starb. Sein letztes Buch – und sein letztes Meisterwerk zugleich.

Grass zeigt sich in diesen Aufzeichnungen bei Tag und Nacht (Träume spielen eine wichtige Rolle) altersmilde, wie man es von ihm nicht kannte. Seine letzten Texte, Kurzprosa und Gedichte, versprühen zudem oftmals Humor und Komik – auch das war nicht immer typisch für den Autor.

Grass hat sein letztes Buch bebildert. Diese Zeichnungen sind das Einzige in „Vonne Endlichkait“, das nichts Neues bietet. Grass zeichnete eben wie Grass, bis zum Schluss. Das war immer wieder einmal virtuos, oft konventionell, manchmal bedeutungsmäßig überladen. Aber auch die Zeichnungen zur „Endlichkait“ sind ein Beweis dafür, dass die Schaffenskraft Grass bis zu seinem Ende nicht verlassen hatte.

Das wirklich Wichtige in diesem Buch aber sind die Texte, die Prosa-Miniaturen und die lyrischen Einsprengsel. Wer Grass kannte, wird sich vorstellen, mit welchem Vergnügen er die literarische Position wechselte und von einer Form zur nächsten sprang. Die Gedichte kommentieren die Prosastücke, das ist dann ein ganz besonderes Lesevergnügen, weil hier der Sprachkünstler, oder besser: der Sprachmagier Günter Grass fassbar wird.

Dabei sind die Sujets dieser Texte in ihrer Mehrzahl alles andere als fröhlich oder gar lustig. Grass war sich spätestens seit dem Tode seines Freundes Siegfried Lenz im Oktober 2014 klar darüber, wie schnell das Leben enden kann, wenn man ein gewisses Alter erreicht hat.

Lenz’ Tod führte bei Grass zu einer gewissen Lethargie, ehe er sich wieder zu leben entschloss. Und das Leben bedeutete für ihn künstlerische Arbeit. Der Schaffensprozess belebte ihn wieder – auch davon handelt ein Text in „Vonne Endlichkait“.

Dieses Buch ist so vielseitig, wie es sein Autor war. Es ist kein Blick zurück im Zorn, es ist auch kein wehleidiges Hadern mit dem körperlichen Verfall oder der Erkenntnis der eigenen „Endlichkait“. Es ist eine bunte Mischung von Schwanengesängen, von Briefen an längst verschwundene Geliebte, von Erzählungen aus den jüngeren und jungen Jahren. Und es ist – man kann es sich bei Grass nicht anders vorstellen – natürlich auch ein politisches Buch.

Angela Merkel bekommt ihr Fett weg, Grass schildert sie als eine Art politischen Vampir, der sogar die SPD kleingekriegt hat. Die in Deutschland um sich greifende Fremdenfeindlichkeit ist ebenfalls ein Thema, Grass vergleicht sie mit der eisigen Ablehnung, die den Flüchtlingen aus den deutschen Ostgebieten nach Kriegsende entgegenschlug.

Vor allem aber sind diese Texte schonungslos offen. Grass beschreibt die Depression, die ihm seit Jahrzehnten vertraut ist und die ihn ausgerechnet dann überfällt, als er mit seinen Enkeln auf dem Weihnachtsmarkt gebrannte Mandeln isst. Seinem letzten Zahn widmet er Prosa, Lyrik und ein – ebenfalls schonungsloses – Selbstporträt. Das ist großartig gemacht, ohne denunzierend zu wirken. Denn dafür sind die Texte häufig einfach zu komisch.

Vor allem die längste Prosa-Arbeit in diesem Band hat schwarzhumorige Qualität. Es geht in dieser Geschichte um die Auswahl und Konstruktion der Särge für sich und seine Frau, die Günter und Ute Grass am Küchentisch, befeuert durch ein Glas Mirabellenbrand, mit ihrem Tischler besprechen.

Nachdem man sich über Holzart, Konstruktion und Verschlüsse geeinigt hat, liefert der Tischler dann auch Ware. Grass liegt sofort Probe und fühlt sich wohl wie Hieronymus im Gehäuse. Das Problem ist nur, dass die Särge von Einbrechern geklaut werden, die in den Grass’schen Keller einsteigen, als er mit seiner Frau spätabends vor dem Fernseher sitzt und einen alten Krimi sieht.

Monate später stehen die Särge dann wieder im Keller – Näheres weiß man nicht über diese Räuberpistole.

Aus seinem letzten Buch lernt man viel über den künstlerischen Prozess, über das Schreiben und Zeichnen des Nobelpreisträgers. Vor allem aber über ihn selbst: „Neulich suchte ich, wie schon so oft, meinen Radiergummi. Vergeblich. Angst, dieser Köter, fiel mich an: Nach letztem Zahn könnte ich dies noch und das verlieren, den Stein, den ich wälzte, und auch dich, die jüngste Verluste beglichen hat.“

Dieses ganze Buch ist berührend wie dieser kurze Text.

Günter Grass: „Vonne Endlichkait“. Steidl. 184 Seiten, 28 Euro.
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