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Wer ist Abulkasem?

Junges und Deutsches Theater Göttingen Wer ist Abulkasem?

Um Einwanderer und ihr Ringen um die eigene Identität, aber auch um die Mehrheitsgesellschaft, die zwischen Political Correctness, Terrorangst und Islamophobie schwankt, geht es in Jonas Hassen Khemiris Stück „Invasion!“. Am Donnerstag hatte es im Jungen Theater Göttingen Premiere.

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Zwei Gäste im Jungen Theater: Marcel Irmey (links)von der Kasseler Schauspielschule und Bardo Böhlefeld aus dem Ensemble des Deutschen Theaters.  

Quelle: r

Die nächsten Vorstellungen:

Göttingen. 25. April um 11 und um 20 Uhr sowie am 9. und 18. Mai um 20 Uhr im Jungen Theater Göttingen, Hospitalstraße 6. Kartentelefon: 05 51 / 49 50 15.

Großmäulige, vulgäre Migrantenkinder stören mit ihrem respektlosen Verhalten Bildungsbürgern den abendlichen Theaterbesuch. Nicht viel hatte am Premierenabend gefehlt, und es wäre zu einer Schlägerei im Publikum gekommen. Der erste Wutbürger war bereits zornig aufgesprungen, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Doch dann klärte sich in der einstündigen Inszenierung von Milena Paulovics die Situation. Es war nur der erste Theaterbesuch von Zuwandererjugendlichen, die mit ungebührlichem Verhalten ihren Lehrer (Marcel Irmey) in die Verzweiflung trieben.

Das kurze Anspiel lieferte den schillernden Namen jenes rätselhaften Fremden, dessen Identität Khemiris Stück in immer neuen Szenen zu klären sucht. Ist Abulkasem der Held eines blutigen Dramas von William Shakespeare? Ein halbstarker Macho, der unsicher um eine Disko-Schönheit wirbt? Ein islamistischer Terrorist, der sich als Kollaborateur Israels tarnt? Oder ein ausgebeuteter Einwanderer, der für 4,25 Euro Stundenlohn Äpfel pflückt?

links und politisch korrekt

Mit minimalistischen Bühnenbild (Judith Mähler) setzt die vierte Koproduktion von Jungem und Deutschem Theater die facettenreiche und mit viel Sprachwitz erzählte Geschichte in Szene. Auf einem langen Laufsteg zwischen zwei Klettergerüsten schlüpfen die vier Schauspieler – Bardo Böhlefeld (DT), Jan Reinartz und Linda Elsner (beide JT) und Irmey, (der die Kasseler Schauspielschule besucht) – souverän in immer neue Rollen.

Neben den Migranten porträtiert der schwedische Autor, der der Sohn einer Schwedin und eines Tunesiers ist, die Mehrheitsgesellschaft. Da ist die studentische Arbeitsgruppe, zu der die Disko-Schönheit gehört. Die jungen Menschen stehen links, geben sich politisch-korrekt und stecken trotzdem voller Stereotypen. Da sind die aufgeblasenen Experten mit grauen Perücken und in weißen Kitteln (Kostühme: Mähler). Sie sprechen gestelzt, werfen mit den Namen von Harvard-Gelehrten um sich und liefern Informationen über den islamistischen Terroristen Abulkasem.

Großartig ist die Szene, in der der Apfelpflücker (Reinartz) sein Leben auf Persisch (Übersetzung und Sprachcoaching: Reza Sharifi, Jaleh Böhlefeld) erzählt. Die Dolmetscherin (Elsner) liefert eine Übersetzung, die die islamophobe Paranoia der Mehrheitsgesellschaft spiegelt: „Meine Herkunft ist sehr terroristisch. Als Kinder spielten wie Selbstmordattentäter …“ Am Ende gab es viel Beifall für das anregende Stück.

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