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Emrah Serbes zu Gast im Literarischen Zentrum Göttingen

Fehler und Positionen Emrah Serbes zu Gast im Literarischen Zentrum Göttingen

„Nimm᾽ Schriftsteller nicht so ernst.“ So heißt ein kurzer Text des türkischen Autors Emrah Serbes. Darin steht, dass die privaten Verfehlungen eines Literaturproduzenten für die Qualität seiner Texte nicht relevant sind. Das stimmt. Ernst nehmen sollte man Literaten trotzdem.

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Emrah Serbes im Literarischen Zentrum Göttingen

Quelle: Hinzmann

Göttingen. Nicht wegen ihrer Fehler, sondern wegen ihrer Positionen. Gerade Serbes ist dafür das beste Beispiel. Zusammen mit seiner deutschen Verlegerin Selma Wels hat Serbes am Montagabend zwei seiner Bücher im Literarischen Zentrum vorgestellt. „Fragmente“ ist im vergangenen März erschienen, der Roman „Deliduman“ kommt im Oktober auf den Markt. Beide Bücher werden vom Berliner Binooki Verlag, der sich auf die Übersetzung junger türkischer Literatur spezialisiert hat, herausgegeben. Als Übersetzer saß Utku Kaynar mit auf dem Podium.

 
„Es ist ein sehr persönliches Buch. Das merke ich jetzt auch. Es ist anders als meine anderen Bücher“, sagt Serbes über „Fragmente“. Das Buch versammelt kleine Erzählungen, Kurztexte, Gedankenspiele und Aphorismen, die zum großen Teil zuerst auf dem Blog des Autors publiziert wurden. Die Sprache ist bilderreich und durchsetzt mit Vergleichen und Metaphern. „Auf dem falschen Weg zu laufen, ist besser, als auf dem richtigen zu warten, mein Junge“, heißt es etwa an einer Stelle.

 

Politischer Autor

 
„Manchmal kommen mir meine Bücher wie Gift vor“, sagt Serbes. Oft fühle er nicht diese Erleichterung nach dem Schreiben, wie sie von anderen Schriftstellern beschrieben werde. „Manchmal fühle ich mich, nachdem ich geschrieben habe, noch schlechter als zuvor.“ Anders sei es bei seinem Buch „Deliduman“ gewesen, das die neueren türkischen Protestbewegungen zum Thema macht.

 
Serbes ist ein politischer Autor, der sich bei den Protesten im Gezi-Park im Sommer 2013 klar positionierte und zum Sprecher der Bewegung wurde. „Wir konnten sehen, wie stark der Wunsch nach demokratischen Werten ist“, sagt Serbes. Zwölf Jahre Haft wegen Majestätsbeleidigung wurden zwischenzeitlich für ihn gefordert, weil er sich über Recep Tayyip Erdoğan, heutiger Staatspräsident der Türkei, lustig machte.

 
Serbes ist ein Autor mit Haltung. Ein unbequemer Schriftsteller, was auch seine Verlegerin ein wenig zu spüren bekommt. Mitten in der Lesung steht er einfach auf. „Er verschwindet jetzt gerade mal um die Ecke, und hat mich gebeten Ihnen zu erklären, was für ein schwieriger Autor er ist“, sagt Wels. Dann erzählt sie von Haftbefehlen und drohendem Ausreiseverbot.

 
In seinem Heimatland ist er vielen Gängeleien ausgesetzt. Eine Pause vom Podium ist dagegen wie eine kleine Freiheit. Wahrscheinlich nutzt er sie für eine Zigarette.

 

Von Daniela Lottmann

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