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Erich Sidler inszeniert „Grooming“ am Deutschen Theater Göttingen

Premiere Erich Sidler inszeniert „Grooming“ am Deutschen Theater Göttingen

Mit „Grooming“ hat sich Regisseur Erich Sidler keinen einfachen Stoff vorgenommen. Am Sonnabend hatte das Theaterstück Premiere am Deutschen Theater. Cyber-Grooming heißt das gezielte  Ansprechen von Minderjährigen im Internet mit dem Ziel, sexuellen Kontakt aufzubauen. Und so ergeht es scheinbar auch Carolina, gespielt von Vanessa Czapla.

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Das Mädchen Carolina (Vanessa Czapla) rächt sich an seinem Peiniger Cecilio (Andreas Jeßing).

Quelle: Müller

Ein Mädchen sitzt allein auf einer Parkbank. Ein Mann taucht auf. Seine Schatten wandern über die Kulissen. Die zwitschernden Vögel täuschen nicht über das kommende Grauen hinweg. Es sitzt in ihrem nervösen Blick, es sitzt in der Selbstverständlichkeit mit der er sich neben ihr niederlässt, und es wird immer deutlicher, je länger er spricht. Während er über Filmszenen schwadroniert, rutscht er näher an sie heran. Filme mag er und kleine Mädchen. Hübsch müssen sie sein, sagt er, wie sie, Mädchen bei denen er hart wird.

Ihr Peiniger (Andreas Jeßing) hat ihre digitalen Konten gehackt. Er erpresst sie, nötigt sie zu sexuellen Handlungen. Eine ausweglose Situation. Aber plötzlich verändern sich die Umstände. Carolina war bei ihm zu Hause und jetzt weiß sie  Dinge über ihn: Kennt seinen Namen, seinen Arbeitgeber, kennt seine Frau und seine Tochter. Sie hat Beweise gegen diesen Cecilio gesammelt, besitzt Dutzende Videos. Über den Täter ergießt sich nun unerbittlich die Verachtung Carolinas. Ein emotionaler Rachefeldzug beginnt, stellvertretend für alle, die jemals unter ihm leiden mussten.

„Grooming“ ist ein spannungsvolles Stück, welches sexuelle Gewalt als das offenbart, was es ist – ein Machtinstrument. Auch Carolina gelingt es, dieses Instrument gegen ihren Peiniger einzusetzen und es ihm mit gleicher Münze heimzuzahlen. Deutlich verschwimmt hier die Grenze zwischen Gerechtigkeit und Selbstjustiz. Carolina wächst zu einem Racheengel heran, der nicht mehr unterscheidet zwischen der Lust an der Erniedrigung des Anderen und dem Kampf gegen Pädophile. Der gewaltvolle Gegenakt, der zunächst befreiend wirkte, entpuppt sich als sexuelle Fantasie eines weiteren Perverslings. Damit setzt Autor Paco Bezerra die verschiedenen sexuellen Neigungen gleich. Ein Pädophiler unterscheidet sich nur noch bedingt von einem Masochisten, einem Fußfetischisten, einem Homosexuellen oder jemandem, der sich gerne an Luftballons reibt. Die Moral verliert sich im Durcheinander. Eine bedenkliche Herangehensweise bei einem so sensiblen Thema.

Nichtsdestotrotz ist „Grooming“ ein packender Thriller, der hervorragend und wunderbar verstörend inszeniert ist. Das Bühnenbild untermalt das emotionale Auf und Ab: es bringt die Zuschauer nah an das Innenleben der Figuren.
Nächste Vorstellungen im DT-2, Theaterplatz 11: 24. Mai, 6. und 9. Juni um 20 Uhr. Kartentelefon: 05 51 / 49 69 11.

Von Serafia Johansson

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