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Errektionsprobleme und Orangen

Kabarettist Klaus Bäuerle Errektionsprobleme und Orangen

Ein verunsicherter Intellektueller, ein chauvinistischer Großverdiener und ein rappender CD-Verkäufer haben nur eins gemeinsam: die schöne Annabelle. Drei Männer braucht diese Frau. Und damit treibt sie ihre Herren fast in den Wahnsinn. Der Kabarettist Klaus Bäuerle schlüpft an diesem Abend im Göttinger Apex in die Rollen dieser drei Männer und somit im Minutentakt von einem gebeutelten Liebhaber zum anderen.

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Wandlungsfähig: Klaus Bäuerle spielt drei Männer.

Quelle: Heller

Es ist übervoll im Apex und die Stimmung ausgezeichnet, nicht ein Stuhl würde noch in den Raum passen, so groß ist der Andrang. Bäuerle fesselt sein Publikum dann auch von der ersten Minute an. Requisiten braucht er dafür kaum und doch ist seine Wandlungsfähigkeit faszinierend: Seine erste Rolle ist der intellektuelle Vorzeigefeingeist voller Minderwertigkeitskomplexe, dessen größtes Versagen im Anlegen von Schneeketten besteht.

Er liebt die allseits angebetete Annabelle mit einer so verzweifelt tollpatschigen Unterwürfigkeit, dass er sie auf ihr fortgeschrittenes Alter liebevoll mit dem Spruch hinzuweisen versucht: „Jetzt, wo ich deine Oberschenkel sehe fällt mir ein, wir wollten noch Orangen kaufen.“ Seine Erektionsprobleme kommentiert er unverblümt „Ich bin frei und ohne Sorgen, komm’ ich heut’ nicht, komm’ ich morgen!“. Dass seine Angebetete noch mit zwei weiteren Männern zusammen ist, bezeichnet er resigniert eloquent als „Ménage à quatre“.

Ganz anders die zweite Rolle Bäuerles: Ein reicher Chauvinist und Macho wie er im Buche steht, der ganz selbstverständlich neben seiner Ehefrau eine Freundin hat: die wundervolle Annabelle eben. Mit Glatze und breitem badischen Dialekt meint er über seine Ehefrau: „Meine Frau ist ein Engel, wirklich! Das Problem ist nur, - sie lebt noch!“. Oder über einen Versuch seiner Frau, die eheliche Beziehung aufzufrischen: „Sagt meine Frau zu mir ‚Flüster mir was Schmutziges ins Ohr’ - Sag ich: Küche!“. In seiner Prahlerei bezeichnet er einen Smart als „Mobilitätsstummel“ und kehrt, als er „die polygame Verderbtheit“ Annabelles nicht mehr aushalten will, zu seiner Frau mit dem „bewussten Ja-Sagen zur Ehe als permanenter Baustelle“ zurück.

Die dritte und wiederum ganz andere Rolle ist die des gut aussehenden CD-Verkäufers Cem, der sich durchs Leben rappt und mehr mit großen Gesten, Zähnezischen und anderen Lauten kommuniziert als mit richtigen Worten. Er ist „hin und weg“ von Annabelle und rappt ihr das eine oder andere Liebeslied.

Beeindruckend ist die Wandlungsfähigkeit Bäuerles, mit der er seine drei Männerrollen würzt. Obwohl er sich nicht einmal umzieht und sich die drei Charaktere äußerlich nur durch eine Perücke, eine Brille und einen Hut unterscheiden, wirken sie allein durch Mimik, Gestik und Sprache so verschieden, wie drei tatsächlich unterschiedliche Männer. Männer, die fassungslos vor ihrer Beziehung zu einer Frau stehen, die drei von ihnen braucht, um zu finden, was sie von einer Partnerschaft erwartet: geistige, finanzielle und hübsch verpackte Potenz.

Von Indra Hesse

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