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Erschütternd gut: „Geister in Princeton“

Deutsches Theater Erschütternd gut: „Geister in Princeton“

In der Quantenwelt kann ein Atom gleichzeitig an zwei Orten sein. Für einen Menschen ist das unmöglich. Ausnahmen von dieser Aussage könnten aber möglich sein. 

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Kommentiert seine eigene Trauerfeier: Kurt Gödel (Florian Eppinger) vor seinem Sarg (mit Vanessa Czapla) und der Trauergemeinde (Karl Miller, Gaby Dey, Nikolaus Kühn und Gerd Zinck, von links).

Quelle: Müller

Kurt Gödel (1906-1978), Physiker und berühmten Logiker, hat sich zeitlebens an zwei Orten zugleich aufgehalten, hat Stimmen gehört und später Geister aus einer anderen, vergangenen Zeit gesehen. „Geister in Princeton“, das erste von Daniel Kehlmann 2011 fürs Theater geschriebene Stück, hat Regisseurin Antje Thoms grandios inszeniert. Am Deutschen Theater (DT) Göttingen war am Sonnabend Premiere.

„Zeit ist wie ein Zugfahrplan und jeder Moment ist wie immer“, sagt Kurt Gödel (Florian Eppinger). Er versucht, seiner Ehefrau Adele (Gaby Dey) zu erklären, dass es ihm egal ist, ob er daheim in Wien, auf dem kalten Bahnhof in der Sowjetunion an der Grenze zur Mongolei oder am Zielort Princeton in den USA lebt. Für Lehrsätze hat seine Frau jetzt und nie in ihrer liebevollen Beziehung zu dem großen Genie Verständnis. Und verstehen kann sie seine Thesen und Beweise erst recht nicht. Schon die Mathematiker, Physiker und Philosophen in Wien haben ihre Schwierigkeiten, einem Kurt Gödel zu folgen. Auch Albert Einstein (Gerd Zinck) kommt anerkennend über Gödel ins Grübeln: „Wie schaffen Sie das? Alles scheint stringent, aber wer ihnen zuhört, glaubt, er ist betrunken.“

"Geister in Princeton"

Keine Sorge. Die „Geister in Princeton“ verlangen vom Zuschauer nicht die Beherrschung höherer Mathematik. Logisch  vermittelt sich dieses perfekt inszenierte Vergnügen in jedem Moment der nur 100-minütigen Aufführung.

Neben Regisseurin Thoms sorgt dafür das wunderbar wandlungsfähige Bühnenbild von Amelie Hensel. Ihre Räume, die beiden Lebenswelten von Gödel, entstehen mit wenigen Mitteln, wirken bedrohlich, alltäglich oder zauberhaft. Verstärkt wird dieser Blick aufs Spiel der neun Schauspieler durch die Gitarrenmusik von Fred Kerkmann. Seine Kompositionen untermalen dezent und doch unverzichtbar das dramatische Geschehen und die Verzweiflung eines Genies.

Erschütternd gut

Florian Eppinger zeigt stark Gödels Charakterzüge: seine Zerrissenheit, seinen stillen und im Ergebnis revolutionären Forschungsdrang, die aufrichtige, hilflose Liebe zu seiner Frau und seine wachsenden Wahnvorstellungen von den „unsichtbaren Spezialagenten in der Zeit“. Aber in diesem Spiel reicht ein Kurt Gödel nicht: auch Paul Wenning, Nikolaus Kühn und Vanessa Czapla sind Kurt Gödel in verschiedenen Lebensphasen. Bis auf Eppinger, dem Vielseitigkeit nicht abzusprechen ist, zeigen die übrigen Schauspieler allesamt zügige Rollenwechsel. So gibt Zinck devot den Botschaftsrat, den kritischen Ökonomen Otto Neurath und dreht so leger wie temperamentvoll als Einstein auf. Gaby Dey spielt als Mutter und Ehefrau von Kurt Gödel die Beschützerin. Seiner Logik kann sie nicht folgen, aber seinen Weg geht sie bis zur Selbstaufgabe mit. Die Szene dieser Erkenntnis spielt Dey erschütternd gut.

Trotz aller nachdenklich stimmenden Aussagen über Zeit und Raum bereitet das Kehlmann-Stück in der pfiffigen DT-Version viel Spaß: Dynamisches Schauspiel – in der Theaterwelt kann ein Schauspieler gleichzeitig an zwei Orten sein –, besondere Effekte und stimmungsvolle Musik ergeben beste Unterhaltung mit viel Sinn für Logik.

Nächste Vorstellungen: 18., 26. Oktober, 2., 14., 26. November um 19.45 Uhr im Deutschen Theater Göttingen, Theaterplatz 11. Karten gibt es unter der Telefonnummer 05 51 / 49 69 11.

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