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Facebook, die Treppenwitzmaschine

Diskussionsabend im Literarischen Zentrum Facebook, die Treppenwitzmaschine

Was passiert, wenn die Mutter plötzlich auf Facebook mit ihren Kindern befreundet ist? „Vielleicht erfährt man dann Sachen über sie, die man gar nicht wissen will", sagt Stephan Porombka.

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Diskutieren über das größte Netzwerk der Welt: Mathias Mertens, Stephan Porombka und Moderator Matthias Dell (v. l.).

Quelle: Vetter

Porombka ist Literaturwissenschaftler in Hildesheim und hat gemeinsam mit Medienwissenschaftler Mathias Mertens den Essayband „Statusmeldungen“ herausgegeben. Ein Buch über Facebook. Am Mittwoch stellten sie ihre Beiträge im Literarischen Zentrum Göttingen zur Diskussion. Die Veranstaltung war gut besucht, obwohl sich in der Facebook-Einladung nur neun Teilnehmer gemeldet haben – bei dieser Thematik sollte das nicht unerwähnt bleiben.

Kind, Kollege, Vereinsmitglied: Jeder „Freund“ kann alle Statusmeldungen bei Facebook lesen – egal aus welcher Lebenswirklichkeit er stammt. Porombka ist erstaunt, was er alles von seinen Studenten weiß. Er kenne die Urlaubsfotos in Badehose und Bikini. Und vor allem: „Was die alles von mir wissen: Manchmal bin ich auf Facebook der Professor, manchmal Ich und manchmal jemand anderes“. Die beiden Wissenschaftler stellten zu Anfang fest: An diesem Abend bekommen die Gäste keine soziologischen Studien, keine Zahlen. „Es gibt eben nicht ‚das‘ Facebook“, betont Mertens immer wieder. Sondern nur die individuellen Erfahrungen, die sie in ihren Beiträgen verarbeitet haben – um, wie sie sagen, Quellen zu schaffen.

Und Moderator Matthias Dell, Facebook-Verweigerer, Altpapierblogger und Kulturredakteur bei „Der Freitag“, interessierte sich vornehmlich für den Suchtfaktor: „Sie haben den Facebook-Konsum unter Kontrolle? Das sagen alle Süchtigen.“ Das ist nicht unbedingt differenziert – aber witzig. Und das passt dann ja auch irgendwie wieder zu Facebook. Denn, so schreibt Mertens, erst Kommentiertes mache das eigene Netzwerk zu etwas Witzigen. „Witzig in der ursprünglichen Bedeutung von umfassend gebildet, geistreich, einen Nerv treffend“. Er bezeichnet das Netzwerk als „Treppenwitzmaschine“: Man habe einfach viel Zeit, sich einen Kommentar zu überlegen, „um ihn dann auf der Treppe zu äußern“. Facebook sei nämlich eine Art „inversiver Salon“. Das Kommentarspiel sorge dafür, „dass man das Objekt der Kommentierung erst durch seine Kommentare erarbeitet“. Porombka nähert sich Facebook anders: Er sieht das Netzwerk als Möglichkeit, die Gegenwart an sich auszuprobieren. „Wer große Texte schreiben will, soll klein beginnen“, wiederholt er stoisch in seinem Beitrag, und zwar immer wieder.

Und das ist ja auch alles irgendwie sehr schön anzuhören. Und als Facebook-Beitrag fantastisch, der an andere Medien- und Literaturwissenschaftler gerichtet ist. Nur eben nicht als Beitrag für die Masse, die Facebook verwendet.

Mertens/Porombka: „Statusmeldungen: Schreiben in Facebook“. Blumenkamp (2010), 216 Seiten, 18 Euro.

Von Florian Heinz

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