Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / -4 ° wolkig

Navigation:
Fasching im Leichenschauhaus

„Dracula“ als Musical Fasching im Leichenschauhaus

Im Grunde ist er ein netter Kerl. Einer, der sich nach Liebe und Erlösung sehnt. Er kann das nur nicht so zeigen. Und das ist auch gut so, sonst wäre das Musical „Dracula“ des Theaters für Niedersachsen (TfN) in Hildesheim viel zu schnell zu Ende.

Voriger Artikel
Luise Rist inszeniert Musiktheater
Nächster Artikel
Maybebop in der Göttinger Stadthalle

Zahn um Zahn: Vampirladys umgarnen auf Draculas Schloss Jonathan Harker (Tim Müller).

Quelle: von Taubenberg

Hildesheim. Das Stück folgt in groben Zügen dem Roman, den der irische Schriftsteller Bram Stoker 1897 veröffentlichte. Ähnlich wie im Buch raunt auf der Bühne der sinistre Graf Dracula (Alexander Prosek) seinem britischen Besucher Jonathan Harker (ganz jugendlicher Held: Tim Müller) ein „Willkommen in meinem Schloss!“ zu.

In jenem Tonfall, in dem Bösewichte in Fünfzigerjahre-Gruselfilmen sagten: „Das Zimmer hinter dieser Tür dürfen Sie niiiemals betreten!“ Dazu ertönt Wolfsgeheul und bald umgarnt ein knappes halbes Dutzend Vampir­ladys den freudig überraschten Harker. Sie sind halb verwest, doch das schmälert ihre Verführungskraft nicht im Geringsten, und es gibt dem Ganzen etwas von einem morbiden Fasching im Leichenschauhaus.

Überhaupt trägt die Inszenierung von Craig Simmons ziemlich dick auf: Ständig drehen sich düstere Nachtnebel auf der Bühne, während das TfN-Orchester hemmungslos in die Pathoskiste greift. Die Beleuchter sind eher als Verdunkeler gefordert.

Unter Blitz und Donner macht sich Dracula mit gebleckten Zähnen schließlich nach London auf, um Harkers Verlobte Mina heimzuführen und um nebenbei England Elend und Verderben zu bringen. Der wahnsinnige Käferfresser Renfield (wirres Haar und irrer Blick: Jürgen Brehm) erwartet seinen Meister dort schon, doch als Kreuzzügler der aufgeklärten Art treten dem Blutsauger auch der unerschrockene Prof. van Helsing (Jens Krause) und seine Vampirabwehrtruppe mit dem Kruzifix in der Hand entgegen.

Die deutschen Texte des Broadway-Musicals von Don Black, Christopher Hampton und Frank Wildhorn sind eher sperrig („Sie war fast noch ein Kind, und ewig weht der Wind“), doch einige der Songs haben echte Gassenhauerqualitäten. Die Sänger sind durchweg solide, und in der Rolle der Mina, die zwischen dem transsilvanischen Untoten und dem britischen Buchhaltertypen Harker hin- und hergerissen ist, setzt Elisabeth Köstner stimmlich ein paar Highlights. Dass es oft laut wird, tut der düsteren Mischung aus Mystik und Melancholie, die über dieser romantischen Geschichte liegt, keinen Abbruch.

Man könnte so eine Vampirgeschichte auch als Kritik am blutsaugerischen Kapitalismus auf die Bühne bringen oder als Mahnung vor zerstörerischem Hedonismus. Das Theater für Niedersachsen beschränkt sich darauf, eine Story um düsteres Verlangen nach den Mächten der Finsternis zu erzählen. Herausgekommen ist dabei ein Grusical, das Spaß macht. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Am Ende lang anhaltender Applaus.

Von Simon Benne

Nächste Aufführungen in Hildesheim, Theaterstraße 6, am 27. Dezember und  am 18. Januar. Karten unter der Telefonnummer 0 51 21/ 16 93 16 93.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Die Milchbar im Nörgelbuff