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Helden des Hinterwalds

Kinostarts Helden des Hinterwalds

Der Möchtegern-Frührentner ist zurück auf der Leinwand: Steven Soderberghs Gaunerkomödie „Logan Lucky“ läuft am Donnerstag in den deutschen Kinos an. Außerdem: "Mother" - ein allegorisches Horrorstück mit alttestamentarischen Motiven.

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Arbeiten von Matthias Walliser im Künstlerhaus

Zwei ungleiche Brüder planen den großen Coup: Clyde Logan (Adam Driver, links) und Jimmy (Channing Tatum).

Quelle: Studiocanal

Göttingen. Vor vier Jahren kündigte US-Regisseur Steven Soderbergh an, in Rente gehen zu wollen. Da war er 52 Jahre alt. Von nun an wolle er Bilder malen, viel lesen, über das Leben nachdenken und bolivianischen Likör importieren, den er bei den Dreharbeiten zu seinem zweiteiligen Revolutionsepos „Che“ (2008) zu schätzen gelernt hatte. Soderbergh hatte die Nase voll vom System Hollywood, das keine Filme für Erwachsene mehr produziere, sondern nur noch Serien-Comic-Ware, die in den Augen von Studiobossen Dollar-Zeichen blinken lasse. Wenn überhaupt noch etwas kulturelle Bedeutung habe, dann das Fernsehen, so Soderbergh damals.

Nun hat er einen Rückzieher vom Rückzieher gemacht – falls er denn überhaupt je weg war. Denn zwischendurch inszenierte er mit Riesenerfolg den Biografiefilm „Liberace“ (2013, mit Michael Douglas als schwulem Entertainer) fürs Fernsehen, dann ließ er die Krankenhausserie „The Knick“ (2014/2015) folgen. Irgendwann muss er aber trotzdem ein wenig Zeit zum Nachdenken gefunden haben. Denn jetzt interessiert er sich doch auch wieder fürs Kino und kehrt mit prominenter Besetzung von Channing Tatum über Adam Driver bis hin zu Daniel Craig und Hilary Swank zurück.

Soderbergh legt Wert auf die Feststellung, dass „Logan Lucky“ anders entstanden ist als viele seiner früheren Werke: Kein Studio hat ihm dieses Mal die gute Laune verdorben – denn es ist gar kein Studio beteiligt. Soderbergh hat sich seine künstlerische Unabhängigkeit gesichert, indem er erst einmal die weltweiten Vertriebsrechte für Fernsehen, Streamingdienste und sogar für Unterhaltungsprogramme im Flugzeug verkaufte. Mit dem Erlös legte er frohgemut los.
Nur das Kino nahm er von den Vorverkäufen aus, er bringt „Logan Lucky“ mit seinem eigenen Vertrieb in den USA auf die Leinwände. „Dies ist für mich ein Experiment“, sagt er. „Um meine Verleihtheorie ausprobieren zu können, benötigte ich einen kommerziellen Film mit Filmstars.“ Die schöne neue Medienwelt macht’s möglich.

Allerdings wundert man sich zunächst einmal, wieso Soderbergh ausgerechnet eine Gaunerkomödie bevorzugt. Mit den drei Filmen von „Ocean’s 11“ bis „Ocean’s 13“ hat er doch schon die coolsten Kriminellen ihre Coups durchziehen lassen (angeführt von George Clooney als Danny Ocean, der Frank Sinatra aus dem „Ocean“-Originalfilm von 1960 ersetzte). Doch bald schon wird klar, was den Filmemacher gereizt hat: Er stellt ein Anti-Ocean-Team zusammen, eine echte Loser-Truppe, die vom Leben nicht mehr erwartet als einen ordentlichen Job und ein bisschen Familienglück.

Aber nicht einmal das ist dem hinkenden Jimmy (Tatum, er war schon Soderberghs Stripper „Magic Mike“) und dessen einarmigem Bruder Clyde (Driver, der dichtende Busfahrer aus Jim Jarmuschs „Paterson“) vergönnt. Gerade hat Jimmy wieder mal ohne Schuld seine Arbeit verloren. Jetzt hat er genug und auch schon einen Plan: In seiner schäbigen Küche hängt eine Zehn-Punkte-Liste für einen erfolgreichen Raubzug am Kühlschrank. Man sollte sich besonders den Satz „Sei nicht gierig“ einprägen, wenn es nach knapp zwei Kinostunden an die Auflösung geht, was bei diesem Überfall wirklich geschah. Wichtig ist vielleicht auch noch der Punkt: „Wissen, wann man die Biege macht.“

Ziel des Überfalls sind die endlos vielen Dollar-Noten, die von den Verkaufsständen eines Autorennens direkt durch ein Röhrensystem in den Untergrund gepustet werden. Genauso hätte es aber auch ein Kasino erwischen können wie bei der „Ocean“-Reihe – nur dass Leute wie Jimmy und Clyde schon deshalb nicht ins Casino kommen, weil sie weder Smoking noch Schlips besitzen.

War bei den „Ocean’s“-Gaunern in Las Vegas alles glamourös und garantiert frei von Drecksarbeit, müssen die hinterwäldlerischen Kriminellen in North Carolina buchstäblich im Müll wühlen: Dort haben sie ihr Geld versteckt. Und hat man je gehört, dass sich Ocean und Co. mit Sorgerechtsproblemen nach einer Scheidung herumgeschlagen haben oder bei „Little Miss“-Gesangswettbewerben in Sporthallen aufgetaucht sind? Oder dass sie schikaniert wurden, wie es bei Barkeeper Clyde immer wieder der Fall ist, egal wie geschickt er mit seiner verbliebenen Hand den bestellten Drink mixt?

Der jüngste Cannes-Sieger: Steven Soderbergh

Er war der jüngste Filmemacher, der je in Cannes die Goldene Palme gewann: „Sex, Lügen und Video“ mit James Spader über Beziehungsfrust und Beziehungslust eroberte 1989 das wichtigste Filmfestival der Welt. Angeblich hatte Steven Soderbergh das Drehbuch in acht Tagen geschrieben. Filmverrückt war der 1963 in Atlanta geborene Regisseur schon als Teenager: Allein 28 Mal hat er nach eigenen Angaben den „Weißen Hai“ gesehen, „American Graffiti“ von George Lucas immerhin 14 Mal.

Die Position als Autorenfilmer (“Kafka“) auf Mainstream-Kurs hat seine Karriere geprägt. Mit seiner Gaunerkomödie „Out of Sight“ (1998) setzte er ein Zeichen in intelligenter Lässigkeit, später ließ er die „Ocean’s“-Reihe folgen. Den Oscar gewann er mit dem Drogenthriller „Traffic – Die Macht des Kartells“ (2008). „Erin Brockovich“ (2000), „The Informant!“ (2009) und „Magic Mike“ (2012) zählen zu seinen erfolgreichsten Filmen. Soderbergh gilt als Workaholic: Unter dem Pseudonym Peter Andrews arbeitet er als Kameramann, vorrangig in seinen eigenen Filmen, ebenso taucht er öfter im Abspann für den Schnitt als Mary Ann Bernard auf. Momentan bereitet Soderbergh einen Thriller über die Panama Papers vor.

Jimmy und seine Truppe legen eine logistische Meisterleistung hin, weshalb die Presse sie später auch als „Ocean Light“ tituliert – Soderbergh zitiert sich selbst. Aber die Story ist verrückt genug: Zu den Vorbereitungen für den großen Raubzug zählt der unbemerkte Ausbruch und dann wieder Einschluss eines Safeknackers. Der wird von Daniel Craig als Proletarier mit gebleichtem Haar und Irokesenschnitt gespielt. Man spürt in jeder Sekunde, welche Lust es dem (noch) amtierenden James Bond macht, mal wieder nach Herzenslust die Sau rauszulassen.

Unsere Sympathie hat diese Gangstertruppe von der ersten bis zur letzten Minute. Die Lehre aus diesem zäh beginnenden, aber dann Tempo aufnehmenden Film lautet: Unterschätze niemals Provinzler, die ihr Stück vom Kuchen haben wollen. Keine Frage: Auch Danny Ocean hätte diesen Hinterwäldler-Gangster seine Anerkennung gezollt. 

„Logan Lucky“, Regie: Steven  Soderbergh, 114 Minuten, FSK 12, Cinemaxx Göttingen

Von Stefan Stosch

In tiefsten Abgründen

Das erste Bild auf der Leinwand zeigt eine Frau in Flammen, die durch ihr verbranntes Gesicht hindurch dem Publikum in die Augen schaut. Nach einem harten Schnitt sieht man Javier Bardem, der einen Kristallstein aus der Asche der ausgebrannten Ruine holt und in einen Metallständer steckt, woraufhin sich das Haus wie von digitaler Zauberhand selbst zu heilen scheint.

Unter der Bettdecke erwacht eine Frau (Jennifer Lawrence). „Liebling?“, ruft sie und macht sich auf die Suche nach ihrem Mann. Die Handkamera bleibt ihr dicht auf den Fersen, so wie sie es in den nächsten zwei Kinostunden tun wird. Von hinten umarmt sie plötzlich ihr Mann (Bardem). „Du hast mich erschreckt“, sagt sie und mit diesen Dialogzeilen sind schon zwei wichtige Pole der filmischen Erzählung benannt: Liebe und Schrecken werden sich in diesem Haus auf durchaus bizarre Weise verbinden.

Gleichzeitig bettet sich Darren Aronofskys „Mother!“ mit dieser Anfangssequenz ins Horrorgenre ein, dessen historische Meisterwerke „Rosemaries Baby“ und „Shining“ hier sichtbar Pate gestanden haben. Er ist ein berühmter Schriftsteller, der unter einer Schreibblockade leidet. Sie ist um einiges jünger und widmet sich neben ihrem dysfunktionalen Musendasein der Rekonstruktion des viktorianischen Hauses mitten im Niemandsland.

Die Zweisamkeit wird durch einen Fremden (Ed Harris) gestört, der sich auf Einladung des Hausherren einquartiert. Wenig später klopft auch die Frau (Michelle Pfeiffer) des ungebetenen Gastes. Die Situation eskaliert, als die beiden Söhne vorstellig werden, der eine den anderen im Streit erschlägt und eine Beerdigungsgesellschaft anrückt.

Spätestens mit dem Brudermord wird klar, dass Aronofskys Erzählung nicht nur mit Versatzstücken des Horrorgenres spielt, sondern sich auch durch das alte Testament hindurcharbeitet. Ein „Paradies“ wolle sie schaffen, sagt Jennifer Lawrences Figur zu Beginn und wo der Garten Eden, Adam und Eva sind, ist der Sündenfall nicht weit und der Weg zur Apokalypse geebnet. Ein Zwischenhoch gönnt Aronofsky dem Paar noch, wenn sie schwanger wird und er wieder zu schreiben beginnt.

Die eheliche Harmonie währt nur kurz, als Fans des Poeten das Haus stürmen und um die schwangere Titelfigur eine Hölle losbricht, die die Bilder von Hieronymus Bosch wie naive Malerei aussehen lässt. Kultisches Sektengemurmel, hysterische Plünderer, aufständische Demonstranten, Militärs nehmen das Heim in Besitz und veranschaulichen eine, aber längst nicht die einzige Botschaft des Films: Egal wie weit wir uns ins private Glück zurückziehen wollen, dem Chaos dieser Welt kann man nicht entkommen.

Aber letztgültig lässt sich Aronofskys allegorisch verbrämtes Horror-Spektakel nicht dechiffrieren, das auf der Leinwand eher verstörende Wirkung entfaltet und sich in seiner künstlerischen Pose allzu wichtig nimmt.

„Mother!“, Regie: Darren Aronofsky, 121 Minuten, FSK 16, Cinemaxx Göttingen

Von Martin Schwickert

The Party

Um ihre Ernennung zur Gesundheitsministerin im Schattenkabinett zu feiern, lädt die ehrgeizige Politikerin Janet enge Freunde und Mitstreiter in ihr Londoner Stadthaus. Als ihr Ehemann Bill mit einem brisanten Geständnis herausplatzt, nimmt die Party eine überraschende Wendung. Plötzlich offenbaren auch die anderen Gäste lang gehütete Geheimnisse, woraufhin Beziehungen, Freundschaften, politische Überzeugungen und Lebensentwürfe in Frage gestellt werden.

Innerhalb kürzester Zeit kippt die kultivierte Atmosphäre in ein emotionales Chaos aus gegenseitigen Anschuldigungen. Während im Ofen die Häppchen verbrennen, fliegen im Wohnzimmer die Fetzen wie die Whiskeygläser und die Party steuert unaufhaltsam auf den großen Knall zu.

Mit sichtlichem Vergnügen sprengt Sally Potter in ihrer temporeichen Komödie eine linksliberale Partygesellschaft und beweist, dass die Wahrheit immer noch die größte Explosionskraft besitzt. Stilsicher inszeniert sie ihren brillant aufspielenden All-Star-Cast, der sich ein bissiges Wortgefecht nach dem nächsten liefert und dabei die Londoner Upper Class, Post-Post-Feministinnen und alteingesessene Linksintellektuelle genüsslich aufs Korn nimmt.

"The Party" OmU, Regie: Sally Potter, 71 Minuten, FSK 12, Lumiere Göttingen

Happy Bournout

Fussel mag die besten Jahre schon hinter sich haben, aber noch immer ist er von ganzem Herzen Punk, Frauenheld, Lebenskünstler und Systemverweigerer. Arbeit kommt jedenfalls für ihn nicht in Frage und stattdessen bringt er viel lieber mit seinem jungenhaften Charme diverse Frauen um den Verstand - darunter auch die Sachbearbeiterin vom Arbeitsamt Frau Linde. Die duldet zwar seine Faulheit, aber als eine interne Prüfung sie zum Handeln zwingt, sieht sie für Fussel nur eine Lösung: ein Attest zur Arbeitsunfähigkeit aufgrund eines Burnouts.

Schnell ist auch eine Therapie in einer Klinik durchgewunken und so findet sich Fussel inmitten echter Ausgebrannter wieder. Mit seiner ganz eigenen Art mischt er den Laden gehörig auf, was besonders Krankenschwester Alexandra auf die Palme bringt. Den anderen Patienten tut er allerdings ziemlich gut, doch je länger er dort verweilt, desto unklarer wird, wer hier eigentlich wen therapiert.

"Happy Burnout", Regie: André Erkau, 102 Minuten, FSK 6, Lumiere Göttingen

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