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Flotter Rollentausch in Jeromes Wohnung

Premiere „Ab jetzt“ im JT Flotter Rollentausch in Jeromes Wohnung

Sie humpelt ein bisschen, und wenn sie leckeren Orangensaft bringt, hält sie die Tasse verkehrt herum. Ein bisschen tropft noch auf den Boden in der Wohnung von Jerome. Der ist Komponist und hat eine Reihe von Problemen. Dabei ist das mit dem leicht schadhaften Kindermädchen-Roboter Gou 300 F noch eines der geringeren.

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Ein Mann zwischen zwei – Frauen? Jerome (D. Böther) mit Corinna (H. Richters, links) und  Gou 300 F (E.-M. Leistikow).

Quelle: Eulig

Göttingen. Seit vier Jahren schon darf er nach der Scheidung von Corinna seine Tochter Geain nicht mehr sehen. Das wirkt sich natürlich auf sein Seelenleben aus, an Komponieren ist nicht mehr zu denken. Und dann kündigt sich auch noch ein Sozialarbeiter vom Jugendamt an, der sich davon überzeugen will, dass ein Kontakt zwischen Jerome und Tochter Geain nicht zu deren Nachteil ausgehen würde. Das ist die Ausgangslage der Komödie „Ab jetzt“ von Alan Ayckbourn, die am Donnerstag in der Inszenierung von Tim Egloff Premiere auf der Hinterbühne des Jungen Theater (JT) Göttingen hatte.

Der Brite Ayckbourn zählt zu den renommiertesten Komödienschreibern, „Ab jetzt“ aber nicht zu seinen beliebtesten Stücken. Er schrieb es 1987, der große Peter Zadek inszenierte die deutsche Erstaufführung in der Komödie am Kurfürstendamm in Berlin. Anschließend verschwand „Ab jetzt“ weitgehend von den Spielplänen deutscher Theater. Warum? Vielleicht, weil Ayckbourn in dem Stück eine seltsame Science-Fiction-Welt schildert zwischen George Orwells Überwachungsstaat und Actionfilmen, in denen marodierende Banden die Herrschaft in den Straßen übernommen haben. Ein solches Umfeld passt nur bedingt zu einer Komödie, hier hakelt es. Doch das Team um Regisseur Egloff, der bereits in den beiden vergangenen Spielzeiten am JT inszenierte, hat das Beste daraus gemacht.

Jerome ist ein Überwachungsfreak, teils zwangsweise, weil zwei Mädchenbanden die Gegend um seine Wohnung unsicher machen, teils zwanghaft, weil er alles Gesprochene, Gelachte, Geschriene und auch Gestöhnte in seinen heimischen vier Wänden aufnimmt und in seiner Musik verarbeitet. Ein Trennungsgrund für seine Frau, ein Kündigungsgrund für Schauspielerin Zoe. Die hat Jerome bei einem Begleitservice engagiert, um dem Sozialarbeiter vorzu­gaukeln, er führe eine stabile Beziehung. Und dann wird auch noch die klapperige Roboterfrau eifersüchtig.

Steilvorlage für zwei Schauspielerinnen

Ein wunderschöner Kunstgriff Ayckbourns gibt eine Steilvorlage für zwei Schauspielerinnen. Jerome hat diese weibliche Maschine, die er von einem Nachbarn bekam und die nur als Prototyp existiert und nie in Serie ging, nicht nur einigermaßen repariert, er hat sie auch so gestaltet, dass sie seiner Ex-Gattin ähnelt. Im zweiten Teil dann modelliert er sie mit einem Fön und ein wenig Geschick um. Jetzt gleicht sie Zoe. Folglich tauschen Henrike Richters, Ex-Frau und erste Roboterin, und Elisabeth-Marie Leistikow, Aushilfsehefrau und zweite Roboterin mittendrin die Rollen.

Jetzt könnte man hergehen und fragen, wer denn den besseren Maschinenmenschen abgibt. Muss man aber nicht. Denn beide spielen ganz wunderbar, Maschine wie auch Mensch. Zwischen den Frauen steht Jerome, eine Rolle, die Dirk Böther wie auf den Leib geschrieben ist: ziemlich ausgebrannt, ein bisschen verzweifelt, viel Krisenmanager und in allem Chaos auch irgendwie souverän. Ein ganz starkes Trio – in Ayckburns Stück, aber auch in Egloffs sehr präziser Inszenierung mit gutem Timing. Der Rest des Bühnenpersonals hat eher die Funktion von Statisten mit kleinem Sprechauftrag. Um diese Rollen zu besetzen, haben Intendant Döring und Regisseur Egloff ganz tief in die Trickkiste gegriffen. Das aus dem Ruder gelaufene Töchterchen Geain wird gespielt von dem JT-Dramaturgen Udo Eidinger und Ausstatter Axel Theune gibt den leicht schmierigen Sozialarbeiter.

90 Minuten bereitet diese Komödie mit einigen überraschenden Wendung viel Vergnügen. Das Premierenpublikum lachte nicht unbedingt lauthals, aber dafür ausgiebig. Und genau so applaudiert es auch.

Weitere Vorstellungen: 23., 25. und 28. September, 06., 11., 16., 20. und 26. Oktober sowie am 1. und 9. November um 20 Uhr im Jungen Theater Göttingen, Hospitalstraße 6. Kartentelefon: 05 51 / 49 5015.

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