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Das kritische „Fräulein Agnes“

Spielzeitauftakt am Deutschen Theater Das kritische „Fräulein Agnes“

Mit einer minutenlangen Schimpftirade vorm noch geschlossenen Vorhang beginnt Rebekka Kricheldorfs Stück „Fräulein Agnes“, das am Freitag in einer Inszenierung von Erich Sidler die neue Spielzeit im Deutschen Theater in Göttingen einläutete.

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„Fräulein Agnes“: Szene mit Rebecca Klingenberg, Christoph Türkay, Felicitas Madl, Angelika Fornell, Gaia Vogel (von links).

Quelle: r

Göttingen. Agnes (elegant und eloquent: Rebecca Klingenberg), eine erfolgreiche Kunstkritik-Bloggerin, macht sich so richtig Luft über jeden und alles, was ihr so auf die Nerven geht. Und das ist vom Paar, über den Single, den Künstler, den Sportler, den Raucher, den Nichtraucher, den Vegetarier und den Fleischesser so ziemlich jeder und alles. Nach diesem im atemberaubenden Tempo vorgetragenen verbalen Tabula rasa, in dem sich jeder im Publikum bei mindestens einer Aussage wiederfindet, fragt man sich fast, was nun noch kommen soll, nachdem das letzte schon zuerst gesagt wurde?

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„Fräulein Agnes“ von Rebekka Kricheldorf: Uraufführung im Deutschen Theater am 22. September 2017

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Der Mensch, sei er noch so genervt von anderen Menschen, ist ein soziales Wesen und so lebt Agnes in einer großzügigen Altbauwohnung, in der sie sich mit den sogenannten Kreativen umgibt. Dazu gehören Freundin Fanny (Angelika Fornell), die eine Kolumne über allzu „weiche Themen“ hat, so Agnes’ Urteil, Künstler Adrian (Florian Eppinger), Sohn und Sänger Orlando (Marius Ahrendt) und Freund Sascha, ein Filmemacher (Christoph Türkay).

Keiner kann ihren hohen Ansprüchen gerecht werden, ihre Kritik ist schonungslos. Auch gegen sich selbst. Denn Agnes hatte in jungen Jahren einen literarischen Erfolg, den sie allerdings nie verstanden hat. Er führte sogar dazu, dass sie sich auf die vermeintlich sichere Seite der Kritiker schlug, denn nie könne sie weiterschreiben ohne die Geister von Flaubert, Kleist oder Camus zu erzürnen, befindet sie.

Droht das soziale Abseits?

Von Freundin Fanny wir sie gewarnt, dass ihr das „soziale Abseits“ drohe, wenn sie beruflich und privat weiterhin verbal so um sich schlage. Eine zentrale Frage des Stückes kündigt sich an: Wie viel Wahrheit vertragen menschliche Beziehungen?

Agnes selbst feiert sich als den „aufrichtigsten Menschen auf dem Planeten“ und mokiert sich über die Unzulänglichkeiten und die Künstlichkeit ihrer Mitbewohner. Sie steht stellvertretend für eine immer mehr durch Narzissmus geprägte Gesellschaft. Spaß bringt das überzeichnete Gerede, die leeren Worthülsen über Kunst: „Mein Projekt legt mutig den Finger in die Wunde“, „Konsens ist der Tod des Kunstwerks“, „Kunst muss richtig reingehen“.

Sprache der Kreativen

Neben der überfrachteten Sprache der Kreativen ist es aber vor allem die Pose, die in dieser Inszenierung regiert. Man müht sich ab, man ist nicht echt, man verformt sich bis zur Unkenntlich- und Lächerlichkeit. Starke Standbilder, unnatürliche Gestik, abstraktes sich über die ansteigende Bühne bewegen: Was das Ensemble hier leistet, ist Schwerstarbeit (Choreographie: Valentí Rocamora i Torà).

Und auch Agnes hat ihre wunden Punkte: In Bezug auf Freund Sascha und seine nicht sehr hoffnungsvolle Kunst zeigt sie sich blind, erträgt sogar seine zahlreichen Verehrerinnen und Nebenbuhlerinnen (herrlich schräg und überzeichnet: Gaia Vogel und Felicitas Madl). Und welch Ironie, dass gerade Agnes sich nach einem Leben auf dem Land sehnt, wo sie doch die anderen, die ihr Unterlegenen wie die Luft zum Atmen braucht. Und da gebe es ja auch Menschen, wie der schöne Sascha sehr intelligent bemerkt.

Bissiges, witziges und gesellschaftskritisches Theater

Diese bitterböse Komödie ist handlungsarm und schnell zu Ende erzählt: Agnes übertreibt es irgendwann in ihrem Wahrheitswahn und alle ziehen aus, außer dem mit Gleichnissen nervenden Philosophen Elias (Florian Donath). Dann schimpft sie wieder wie am Anfang. Dass DT-Intendant Sidler aus dem Text 110 Minuten unterhaltsames, bissiges, witziges und gesellschaftskritisches Theater gemacht hat, wird vom Publikum mehr als anerkannt. Es ist die dritte Uraufführung der Autorin Rebekka Kricheldorf am Haus am Wall. Mit ihrem Stück „Homo Empathicus“ eröffnete Intendant Sidler 2014/2015 seine erste Spielzeit in Göttingen.

Die nächsten Vorstellungen von „Fräulein Agnes“ am Deutschen Theater Göttingen, Theaterplatz 11, um 19.45 Uhr im DT-1 am 27. September, 4. und 21. Oktober. Eintrittskarten sind in den Tageblatt-Geschäftsstellen, Weender Straße 44 in Göttingen und Marktstraße 9 in Duderstadt, sowie unter tickets.goettinger-tageblatt.de erhältlich. DT-Kartentelefon: 0551 / 4969-300.

Von Marie Varela

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