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Fremdenhass im Bahnabteil

Peter Lohmeyer liest Enzensberger Fremdenhass im Bahnabteil

In der vorletzten Veranstaltung der Göttinger Theater Tage las der Schauspieler Peter Lohmeyer am Sonntagabend im Deutschen Theater aus Hans Magnus Enzensbergers „Die Große Wanderung“ und aus Jan Weilers „Maria, ihm schmeckt´s nicht!“.

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Peter Lohmeyer

Quelle: Peter Heller

Göttingen. Mit den Themen Fremdheit und Fremdenhass reihte sich die von Gerhard Ahrens konzipierte Lesung in das Motto der Theater Tage „Migration und Menschlichkeit“ ein.

„Zwei Passagiere in einem Eisenbahnabteil.“ So beginnt die Szene, mit der Enzensberger im kleinen Umfeld der Reisenden das monströse Bild des Fremdenhasses darstellt. Ein Eintretender wird zunächst als Eindringling gewertet und nur widerwillig geduldet. So lange, bis weitere Passagiere dazukommen und er in den „Clan der Sesshaften, der Abteilbesitzer“ eintritt, die ihren Platz gegen die Neuen verteidigen. Enzensberger präsentiert Fremdenhass als Konstante im menschlichen Verhalten, den zu überwinden oder wenigstens zu unterdrücken eine Zumutung bedeutet, „die sich in der Zivilisation ausnahmslos jedermann gefallen lassen muss. Wer sie nicht ertragen will, muss notfalls dazu gezwungen werden. Nicht zumutbar ist hingegen die Anwesenheit von Leuten, die sich auf die individuelle oder organisierte Menschenjagd begeben.“

Enzensberger veröffentlichte „Die Große Wanderung - 33 Markierungen“ 1992, nach den rassistisch motivierten Übergriffen auf Arbeiter- und Flüchtlingswohnheime im September 1991 in Hoyerswerda und im August 1992 in Rostock-Lichtenhagen. Seine Beobachtungen erscheinen vor dem heutigen Tagesgeschehen immer noch aktuell und öffnen den Blick für die historischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge von Migration und Ausländerfeindlichkeit. Lohmeyer trifft die feinen, mal ironischen, mal warnenden Töne von Enzensbergers Essay genau.

Der zweite Teil des Abends steht dazu in starkem Kontrast. Lohmeyer liest aus dem Bonuskapitel von Weilers Roman von 2003, in dem der deutsche Protagonist seinen italienischen Schwiegervater Antonio ins Autohaus begleitet. Das ungleiche Duo muss sich den Vorurteilen und Demütigungen des Verkäufers entgegenstellen und tut das mit Witz und Dreistigkeit. Das Publikum lacht herzhaft über die kleinen und größeren Schrullen des Antonio, die Lohmeyer mit Mimik und Gestik lebendig werden lässt.

Fraglich ist, ob der Wechsel von den „Markierungen“ zu der leichten Unterhaltung von Weiler zu abrupt erfolgt ist, um der Botschaft gerecht zu werden, die Enzensberger zu überbringen versucht. Die Bedeutung des Themas droht zwischen den Lachern verloren zu gehen.

Von Jana Probst

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