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Fritz J. Raddatz liest im Alten Rathaus Göttingen aus seinen Tagebüchern

„Auch ich bin ein Voyeur“ Fritz J. Raddatz liest im Alten Rathaus Göttingen aus seinen Tagebüchern

„Es ist nicht mehr die Welt, die ich eingeatmet habe“, sagt Fritz Joachim Raddatz. Und es sei auch nicht mehr die Welt, die er als Tagebücher ausgeatmet habe. Deshalb ziehe sich der Literaturkritiker und ehemalige Feuilleton-Chef der Wochenzeitung „Die Zeit“ aus dem aktiven Journalismus zurück. Genauere Erklärungen gab er bei der Lesung aus seinen Tagebüchern im Alten Rathaus im Gespräch mit dem Journalisten Stephan Lohr.

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Schreibt in seinen Tagebüchern auch über Freunde und verärgert sie: Fritz J. Raddatz.

Quelle: Pförtner

Göttingen. Vornehmlich tagesabschließend, zu späten Stunden geschrieben, müssten die Tagebücher „eigentlich Nachtbücher heißen, sagt Raddatz.

Nachdem er 2010 seine „Tagebücher 1982-2001“ präsentierte, sieht er im neuen Werk auf die Jahre 2002 bis 2012 zurück. Dabei gehöre Indiskretheit zum „inneren Gesetz des Genres“, sagt Raddatz vor den etwa 130 Zuhörern. Bei ihm allerdings nicht in Hinsicht auf Sex oder „Demagogie“ – politische Hetze –, wie der Autor betont. Aber „auch ich bin ein Voyeur“, sagt der Journalist. Er schreibt über Menschen, vornehmlich aus dem Kulturbetrieb, genauso über sich selbst.

Raddatz berichtet von seinem Leben. Darüber, dass er von seinem Stiefvater misshandelt wurde. Darüber, dass er nach dem Tod der Stiefeltern von seinem neuen Vormund, einem Pastor, verführt wurde. Aber auch über die ehemalige Freundschaft zu Günter Grass redet Raddatz. Der Schriftsteller sei gekränkt über die Veröffentlichungen in den Tagebüchern. Empfand sich als „schwächelnd dargestellt“, sagt Raddatz.

„Wir beide sind Dickköpfe“

Dabei habe er nichts geschrieben, was nicht vorher schon veröffentlicht worden sei. Vielmehr habe er Grass „menschelnd, sympathisch“ hervorgehoben, meint Raddatz. Der „Riss“ der Freundschaft „schmerzt mich“, sagt er, sieht aber keine Chance auf Versöhnung: „Wir beide sind Dickköpfe.“

Eigentlich wollte Raddatz, der mit seinem Freund in einer eingetragenen Partnerschaft lebt, dass der zweite Band seiner Tagebücher erst an die Öffentlichkeit kommt, wenn er selbst „unter dem Rasen liegt“. Sein Verleger Alexander Faust habe ihn überredet, den zweiten Band der Tagebücher schon jetzt zu veröffentlichen. Ein entsprechender Vorschuss habe sein Übriges getan, sagt Raddatz.

Heute sei er „aus der Welt gefallen“. Viele seiner Kontakte, über die er auch geschrieben hat, seien tot. „Ich bin nicht mehr zeitgemäß“, sagt Raddatz.

Fritz J. Raddatz: Tagebücher 2002-2012, Rowohlt-Verlag, 720 Seiten, 24,95 Euro.

Von Friedrich Schmidt

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