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Geballte Energie aus dem Trojanischen Pferd

Kunst Geballte Energie aus dem Trojanischen Pferd

Mit „Frühling“ ist in der Kunsthalle Fridericianum in Kassel eine Ausstellung von rund 300 Autoren eröffnet worden. Der Künstler Pawel Althamer hat  der Kreativität Kasseler Kinder Raum gegeben. Entstanden ist ein Kunstwerk, das immer weiter entsteht. Den ganzen Frühling über. 

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Wenn Kreativität freien Lauf hat: Museumswand in Kinderhand.

Quelle: Klinger

Das Pferd nimmt viel vom oberen zentralen Raum des Fridericianums ein. Acht Meter hoch, weit über den Köpfen der Besucher der Kunsthalle, ragt sein mächtiger Kopf empor. Gedanklich geboren aus dem Modell eines riesigen Schaukelpferdes von Yara Gillich, einem der teilnehmenden Kinder, hat Pawel Althamer aus der Zeichnung zunächst ein handliches Papp-Pferd entwickelt. Jetzt jedoch hat der Körper mit den festen hölzernen Beinen und den zwei Leitern, die einmal in den Rumpf und von dort bis in den Kopf führen, längst stattliche Ausmaße angenommen. Kinder steigen hinein und schauen heraus. Genug Platz birgt dieses trojanische Pferd bestimmt für eine halbe Schulklasse. 

Wie der griechische Vorläufer des Holzpferdes transportiert es einiges an subversiver Energie. Hat man einmal nicht aufgepasst, so kommt sie heraus, nimmt das Außen in Beschlag, öffnet Tür und Tor. Und so sind nicht nur die Luken des Pferdekörpers weithin geöffnet, auch die Fenster des Fridericianums lassen – ohne die die Kunst üblicherweise schützenden weißen Vorhänge – statt der Feinde den Frühling herein. Das Prinzip jedenfalls ist strukturell gut: Größte Offenheit ermöglicht das Freiwerden von geballter Energie. 

Überall in den Räumen finden sich Anfänge oder bereits realisierte Projekte, die sich Kinder überlegt haben. Althammer unterstützt sie in der Umsetzung: das Trimobil, ein Pappkartongefährt auf Rollen, ein großer Hauskomplex mit arabischer Einrichtung, die im oberen Stockwerk auf dem Kopf hängt, die Fassade der Kunsthalle, deren Säulen zur Abwechslung einmal aus Abflussrohren bestehen, eine klassische Bilderausstellung, eine Ritterburg mit Labyrinth. Und darum herum ist viel noch zu nutzender Raum. Es sind die Überreste des White Cube, dessen Wände massiv als Skizzenpool und Malgrund genutzt werden. 

Eldorado Kunstspielplatz

Ist die Kunsthalle in einen Spielgrund, in ein Eldorado der unbegrenzten Möglichkeiten antiautoritärer Fantasien verwandelt worden? Entstehen Chaos, Kuschelecken, Puppenhäuschen oder gesprayte Wandbilder? Trotz der Warnungen Laokoons und Kassandras ließen die Trojaner das Pferd in ihre Mauern kommen. Althamer will Ursprünglichkeit, Inspiration und unverstellte Kreativität. In vielen seiner Projekte arbeitet der 1967 in Warschau geborene Künstler mit Konzepten von kollektiver Kreativität und multipler Autorschaft, oft mit gesellschaftlich Minderprivilegierten. 

Dass es womöglich nur bedingt gelingen kann, wenn sich Kita-, Hort- und Grundschulgruppen einigen wollen, ist die eine, sicher zu vernachlässigende Seite. Auf der anderen Seite  wird ein Feld eröffnet, das den Autor sowohl verneint wie zugleich multipliziert. Felder von Bourdieu über Barthes bis zu Foucault werden hier umgegraben, aber nicht bestellt. Gesellschaftliche Aus- und Eingeschlossenheiten liegen bloß. Hinzu kommt: Die Ursprünglichkeit auch einer kindlichen Kreativität ist nur eine vermeintliche. Wo sollte die Grenze sein, ist auch sie doch immer Produkt gesellschaftlicher Vermittlung. Und dennoch bleibt etwas, abseits von Diskurs und Kindergarten, was sich wie eine geheime, kraftvolle Ladung aus dem Kunstraum in die Stadt entlädt.

In Kassel im Fridericianum bis zum 21. Juni: mittwochs bis sonntags von 11 bis 18 Uhr. 

                                                                                                                          Von Tina Lüers

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