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Gefängnis aus Gesetzen und Formularen

„Asylant im Wunderland“ im Jungen Theater Göttingen Gefängnis aus Gesetzen und Formularen

Das Gastspiel „Asylant im Wunderland“ hat das Theater Odos aus Münster am Sonntag im Jungen Theater Göttingen gezeigt. In Kooperation mit dem Integrationsrat Göttingen gab es eine schwarzhumorige „Satire über Deutschlands Umgang mit Flüchtlingen“.

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Eindringliches Spiel: J. Kollet und J. Schulze-Neuhofffoto: PH

Quelle: Peter Heller

Göttingen. Mit dornenlosen Rosen warten zwei Beamte des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge am Flughafen auf Asylbewerber. Sie lauern regelrecht und wollen die „guests in waiting“ mit Aussicht auf ein Penthouse und ein angenehmes Leben locken. Die beiden „Service-Experten“ sind auf der Suche nach Fachkräften aus dem Ausland. „Wirtschaftswachstumssicherung durch Zuwanderung“ lautet die Vorgabe des Amtes. Doch die umworbenen Flüchtlinge winken ab.

Viele von ihnen haben Deutschland von einer ganz anderen Seite kennengelernt und Jahre lang in Flüchtlingsunterkünften ausgeharrt, mit der Hoffnung anerkannt zu werden und bleiben zu dürfen. In dieser schwarzhumorigen Utopie gilt: Bleiben darf, wer von Nutzen ist. Willkommen sind die, die gebraucht werden können. Hier zählt nicht Menschlichkeit, sondern Wirtschaftlichkeit.

Die Schauspieler Johanna Kollet und Jörg Schulze-Neuhoff wechseln zwischen den beiden Seiten. Mit Masken, die ein freundliches Gesicht zeigen, lassen sie kaltem Zynismus in einer satirisch zugespitzten Szenerie freien Lauf. Ansonsten geben sie authentischen Erfahrungen von Flüchtlingen aus verschiedenen Ländern ein Gesicht und eine Stimme.

Zermürbendes Warten und sinnloses Nichtstun-können, Folter und Traumata, überfüllte Unterkünfte, Abschiebung, Chancenlosigkeit. In eindringlichen Monologen schildern die Schauspieler Erlebtes und verschiedene Lebensgeschichten von Flüchtlingen. Das Theaterstück, das im Januar 2015 Premiere feierte, hält deutscher Flüchtlingspolitik und Bürokratie satirisch überspitzt den Spiegel vor.

Knapp zwei Jahre habe die Recherche gedauert, erläutert Regisseur Heiko Ostendorf. In einer Diskussionsrunde, an der die meisten der etwa 50 Zuschauer teilnehmen, skizzieren Birgit Sacher vom Integrationsrat Göttingen und ein Zuschauer die Situation der Flüchtlinge vor Ort. „Wir haben das Gefühl, das Thema Flüchtlinge ist durch, die Leute können es nicht mehr hören“, resümiert Ostendorf nach knapp 30 Tournee-Aufführungen.kah

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