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Gegenwartsautoren auf George Orwells Spuren

Literaturfest Niedersachsen Gegenwartsautoren auf George Orwells Spuren

"Viel Freude“ könne er nicht wünschen, aber er allen einen „nachdenklichen Abend“, so Literaturwissenschaftler Gerhard Lauer, Moderator der Veranstaltung „Im Visier“ im Rahmen des Literaturfestes Niedersachsen. Ins Visier genommen wurden die Gegenwartsautoren Marlene Streeruwitz und Benjamin Stein und mit ihnen ihre Texte „Die Schmerzmacherin“ und „Replay“.

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Marlene Streeruwitz

Quelle: Vetter

Göttingen. Mit diesen kontrastiert und in Beziehung gesetzt wurde George Orwells Klassiker „1984“, der – gelesen von Schauspieler Hannes Hellmann – dem Abend und den Gegenwartstexten einen düsteren Rahmen gab. Düster vor allem deshalb, weil sich Orwells Werk aus dem Jahre 1948 aus heutiger Sicht als äußerst prophetisch entpuppt. Denn sind wir denn nicht schon lange überwacht, ja, machen uns sogar freiwillig via Facebook und anderen sozialen Netzwerken zum gläsernen Bürger, geben „dem großen Bruder“ sogar gern Einblicke in unser Privatestes? Was verstehen wir in einer Demokratie unter Freiheit?

Beide Autoren benennen Orwells Text als wichtige Bezugsgröße, der in seiner Thematik immer noch aktuell sei: „Die Grenze zwischen Körper, Geist und Gesellschaft verläuft heute ähnlich“, so Streeruwitz. Die „Schmerzmacherin“ hat als Ausgangspunkt eine Welt, deren Unsicherheit man vermeintlich durch Sicherheits- und Überwachungsmaßnahmen entfliehen kann. Die Protagonistin Amy lässt sich deshalb zur Agentin einer international agierenden Sicherheitsfirma ausbilden.

Aus ihrer Innensicht erfährt der Leser, wie Amy die brutale, verrohte Ausbildung erlebt, die ihr Härte und Standfestigkeit bei grausamen Verhören beibringen soll. Genauso verletzt wie die Protagonistin ist Streeruwitz‘ abgehakt klingende Sprache: Aufzählungen, Brüche, Wortfetzen, die wage in der Luft schweben, noch dazu von der Autorin in einer monotonen Fragilität vorgetragen werden. Streeruwitz’ Hauptfigur ist Opfer und Täterin zugleich.

Ed Rosen, der Ich-Erzähler aus Steins „Replay“ ist auf den ersten Blick kein Opfer. Er selbst hat das „Unicom“ erfunden; ein Implantat, das alle Sinneseindrücke eines Menschen aufzeichnet und sie auf eine externe Datenbank speichert. Umgekehrt lässt sich mit diesem Implantat jederzeit Erlebtes wieder erleben. Rosen selbst wird zum ersten Träger dieser Erfindung, die er zunächst genießt, vor allem in erotischer Hinsicht.

Was Freiheit für den einzelnen zu sein scheint, ist Kontrolle für die Firma Matanas, den Chef Rosens. So skizziert Stein seine schöne und gleichzeitig schreckliche neue Welt und zeigt sich auch überaus pessimistisch: „Beim Schreiben von „Replay“ hatte ich schon Angst von der Entwicklung eingeholt zu werden.“

Von Marie Varela

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