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Geheime Hitlergurke bringt Geldsegen

Impro-Festival Geheime Hitlergurke bringt Geldsegen

Das Publikum kann gnadenlos sein. Eine Gurke soll der Gegenstand sein, um den sich die Geschichten ranken. Wie bekommt man Geschmack an so ein fades Gemüse?

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Improvisiertes Spiel mit Mimik und Ausdruck: Stefan Graën und Katrin Richter von der Comedy-Company.

Quelle: Heller

Katrin Richter und Stefan Graën von der Comedy-Company wären keine Improvisationskünstler, wenn ihnen selbst zum fadenscheinigsten Thema nicht die abstruseste Idee käme: Wir befinden uns in „Omas“ Keller. Oma ist tot. Das Schachern ums Erbe hat begonnen. Die Enkel wissen, das die alte Dame seit Jahrzehnten ein Geheimnis hütet. Sie ist im Besitz der „Hitlergurke“ – konserviert in einem Einmachglas.
Bekommen hatte Oma die Gurke bei der Reichsgartenschau 1939, da hatte sie Hitler getroffen. Katrin hat das Gemüseglas nun gefunden und wittert das große Geld bei Ebay. Das Publikum ist der Meinung, „das klingt nach einem Lied“, und im Nu wird die Geschichte vertont. Graën lässt Katrin schließlich mit dem Gurkenglas verschwinden, denn er hat die lukrativeren Tagebücher entdeckt. Kein vorgefertigter Text, keine Absprache, Graën und Richter spielen die Szene einfach so aus dem Stegreif. Extrem abgefahren und extrem unterhaltsam.

Am Schluss des Impro-Festivals liefert sich die Comedy-Company ein Theatersport-Match mit der Hamburger Steifen Brise. Das Publikum entscheidet mit der Stärke des Applauses, welche Mannschaft die bessere war. Die Abstimmung ist allerdings eher Nebensache. Meist gibt es für beide Teams drei Punkte – die Höchstzahl. Die Unterhaltung zählt. Die Comedy-Company siegte am Ende mit einem Punkt Vorsprung. Und auch die Steife Brise zeigt, was sie drauf hat. Thorsten Brand schleppt seinen Vertreterkoffer mit Gurkenschälservice (was immer das sein mag) in den 29. Stock zu einer Kundin (Verena Lohner) und tanzt schließlich Samba.

Stegreif-Theater hat in Göttingen Tradition. Die sieben Vorstellungen des Internationalen Impro-Festivals 2011 sind allesamt gut besucht bis ausverkauft. Das sind die monatlichen Vorstellungen der Göttinger Comedy-Company mit Alexis Kara, Katrin Richter, Lars Wätzold, Stefan Graën und Musiker Michael von Zalejski eigentlich immer. Auch die Gäste aus Hamburg sind Erfolg gewöhnt. Sie gehören zu den Pionieren des Impro-Theaters. Seit 1992 besteht die Steife Brise. Vergleichsweise jung sind DIT (Dit Is Theater) aus Amsterdam. Im Jahr 2007 wurde die Gruppe gegründet. Wätzold nennt sie die Boygroup unter den Impro-Theatern. Denn DIT ist durch ein Casting entstanden, 130 Leute hatten sich beworben, mit dem Ziel Hollands beste Stegreif-Gruppe zu werden. Heute hat DIT acht Mitglieder, von denen immerhin vier am Festival teilgenommen haben.
Nach dem Kuscheltier-Impro-Theater der Comedy-Company, das am Donnerstagabend wie im vergangenen Jahr im Northeimer Theater der Nacht den Festival-Auftakt gebildet hat, standen DIT im Lumière als Erste auf der Bühne. „Meanwhile in Amsterdam“ hieß ihr englischsprachiges Programm für den Freitagabend, das in Amsterdam natürlich in einem Coffeeshop und in New York auf einer Psychoanalyse-Liege spielte. Und natürlich musste es in der Show um Käse gehen, obwohl das Wort „Käsköppe“ nicht fiel – sie machten ihre Sache gut.

Bei „Ork Alarm!“, das war der Titel für die Spätvorstellung, bekamen die Niederländer Verstärkung. Alle drei Ensembles beteiligten sich an einem Fantasy-Musical, das abgedrehter kaum sein konnte: Der mutige, durchsetzungsstarke Jüngling Tood geht mit seinem Löffel auf Meerschweinchensuche, denn ohne Meerschweinchen, die vom Aussterben bedroht sind, geht die Welt zu Grunde. Für den Inhalt zeichnete das Publikum verantwortlich.

Ein Höhepunkt des Festivals war die Samstagnacht-Show „Durcheinandergewürfelt“ mit allen drei Teams. Schnöde Alltagstätigkeiten sollten in unterschiedlichen Genres dargestellt werden. Brot schneiden als Telenovela ist ebenso gelungen wie die Western- oder Horrorfilmvariante. Genial ist die „Stammtisch-Oper“ zum Thema „Toilettenpapier wird gekauft“ von Stefan Graën (Spezialist für Hygieneartikel im Drogeriemarkt), Lars Wätzold (hat es vergessen zu kaufen) und Thorsten Brand (braucht es dringend). Das Ganze gespielt mit synchronisierten Stimmen, das heißt, einer singt für den anderen, der weiß natürlich nicht was und muss seine Lippen entsprechend dem Text bewegen. Sagenhaft gut – so wie der größte Teil der drei Abende.

Von Eida Koheil

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