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Glitzer-Nick und böser Held an der Berliner Mauer

Uraufführung „Odyssee“ Glitzer-Nick und böser Held an der Berliner Mauer

Mit einem mächtigen Epos sind die Festspiele in Bad Hersfeld eröffnet worden: Regisseur Torsten Fischer hat sich Homers „Odyssee“ vorgenommen, sein Bühnenbildner Herbert Schäfer eine Bühnenfassung daraus geschrieben. Am Sonnabend war Uraufführung.

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Zum Haare raufen: Odysseus (Markus Gertken) muss Desirée Nick als Halbgöttin Kalypso ertragen.

Quelle: EF

Regisseur Torsten Fischer hatte eine Idee. Ausgehend von der These, Mythen seien immer wieder neu deutbar, hat er sich daran gemacht, Homers Helden Odysseus so zu zeigen, wie er wirklich war: ein  „widerwärtiger Antiheld“. So hat es Fischer in einem Interview erzählt. Regelrecht verbissen hat er sich in seine vermeintliche Entdeckung. Folgen mag man ihm dabei nur in Maßen, auch nach der Vorstellung.

Fischer sieht in Odysseus einen hinterlistigen Kämpfer (trojanisches Pferd), einen untreuen Ehemann (sein Aufenthalt bei Kalypso), einen Rassisten (Blendung des einäugigen Riesen Polyphem) einen Sittenverroher (nicht Circe verzauberte Odysseus’ Weggefährten in Schweine, der Held selber machte sie dazu) und unmäßigen Rächer (Ermordung der jungen Adeligen, die in seiner Abwesenheit um seine Ehefrau Penelope warben). Dem Versuch, ihm dabei zu folgen, steht die Inszenierung im Weg.

Dort zeigt Fischer Odysseus als Getriebenen. Er ist abhängig von Wohl und Wehe der Götter, die ihn zehn Jahre lang durchs Mittelmeer irren lassen. Nur vereinzelt blitzt auf, was Fischer meint. Bei der Blendung des Zyklopen Polyphem beispielsweise, der sich als einer der ganz wenigen in der Inszenierung als Charakter und nicht als Figur zeigen darf. Fischer hat Polyphem mit Simon Zigah besetzt, einem Farbigen, der Odysseus’ Rassenhass zutage fördert. Ein schlichter Regieeinfall, vielleicht ein allzu schlichter.

Ähnlich schlicht wünschte sich Fischer offenbar das Bühnenbild (Herbert Schäfer). Die Berliner Mauer verstellt den Blick auf die grandiose Tiefe des Bühnenraums in der Stiftsruine. Das ist nicht nur schade, sondern auch wenig nachvollziehbar. Fischers assoziativer Zugang: Alkinoos, das Land der Phäaken. Es ist mit Mauern umrundet, selbstgewählte Abschottung, um in Frieden zu leben. Das klingt nach DDR-Propaganda, reicht aber nicht für einen Bezug zur Gegenwart. Immerhin lässt es sich hübsch darüber klettern. 

Gegen Nässe und Schmerz

Davor schwappt viel Wasser, die überschaubare Gruppe von Schauspielern und das Heer von Komparsen, traditionell rekrutiert aus dem Chorverein Bad Hersfeld, spielt in Gummistiefeln. Das schützt die Füße nicht nur gegen Nässe, denn alles, was nicht Wasser ist, schmerzt beim Körperkontakt. Fischer mutet den Akteuren Gitterroste als Bühnenboden zu, was schon mal zu Schmerzensrufen während der Vorstellung führt.

Verlassen kann Fischer sich auf seinen Blick für Bilder. Grandios komponiert er auch in seiner vierten und vorerst letzten Arbeit für die Festspiele das Heer an Menschen auf der Bühne, schafft ästhetisch eindrucksvolle Momente, wenn Odysseus hoch am Mast durch das tosende Meer peitscht. Verlassen kann er sich auch auf die Riege seiner Lieblingsschauspieler. Markus Gertken ist ein kraftvoller, mehr und mehr zermürbter Odysseus. Eine starke Frau unter starkem Druck spielt Anna Franziska Srna als Penelope und Michael Rastl gibt mit schöner Lässigkeit Gottvater Zeus. Ach ja, Désirée Nick, deren werbewirksames Festspiel-Engagement im Vorfeld für viel Medienecho gesorgt hatte. Die RTL-Dschungelkönigin schillert vor allem im Schlussbild mit einem blauen Glitzeranzug. Nicks Auftritt als Halbgöttin Kalypso war vor allem eines: diletantisch. Das Publikum applaudierte allenfalls freundlich.

Zahlreiche weitere Vorstellungen bis 31. Juli. Kartentelefon: 06621/201360. 

Von Peter Krüger-Lenz

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