Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
Der neunzehnte ist ein Goldt-Elch

Schriftsteller und Musiker Max Goldt erhält Göttinger Satire-Preis Der neunzehnte ist ein Goldt-Elch

Der Berliner Schriftsteller und Musiker Max Goldt hat am Sonntag den Göttinger Elch-Preis erhalten. Im Deutschen Theater wurde der gebürtige Weender zum 19. Göttinger Elch und bekam von Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD) die silberne Elch-Brosche ans Revers geheftet, die Urkunde und 3333,33 Euro Preisgeld überreicht.

Voriger Artikel
Ulla Meinecke & Band in der Musa
Nächster Artikel
Coffee to go hieß früher Thermoskanne

Elch-Preis 2016 für Max Goldt (rechts) mit Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler bei der Verleihung des Satire-Preises im Deutschen Theater Göttingen.

Quelle: Heller

Göttingen. Auf Elchsuppe in 99 Dosen muss  der Elch des Jahres 2016 verzichten. Stattdessen und zum Trost seien für einen Schriftsteller, so der 2015 zum Elch gekürte Rudi Hurzlmeier, doch 99 Billy-Regale passender. Aber dafür habe sich kein schwedischer Sponsor gefunden. Hurzlmeier würdigte mit einer Werkschau eigener Karikaturen seinen Nachfolger. Die Motive konnten weitestgehend mit Max Goldt und /oder dem Elch-Preis in Verbindung gebracht werden. Darunter auch einen vor einer Suppe mit Buchstabennudeln sitzenden Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki. Das wäre auch etwas für den Preisträger: "Der Max kann in der Buchstabensuppe neue Buchstabenkreationen schöpfen", meinte Hurzlmeier.

Wie passend Hurzlmeiers Beobachtung war, führte Literaturwissenschaftler Heinrich Detering als Laudator erst recht aus. Goldts Projekte waren immer bestimmt von seiner Sprachanalyse und -genauigkeit. Und das begann schon mit "Wissenswertes über Erlangen". Mit der Lied-Satire über Stadtrundfahrten hatte die Berliner Band Foyer des Arts 1982 Erfolg. Der Text stammte von Max Goldt, der wusste, was er beschrieb: Als Touristenführer hatte  er zuvor in West-Berlin sein Geld verdient. Dass der 1958 in Weende als Matthias Ernst geborene Goldt  die Genres und Rollen immer wieder wechselte, hob Detering hervor. Das habe er auch als schräge Kunstfigur "Onkel Max" in seinen Kolumnen für die Titanic getan. "Kolumnieren nannte er die Tätigkeit, und machte das Genre zum Kunstwerk". Die Goldtsche Language Poetry stelle aus, zeige vor und behandle experimentell.

"Er führte die jeweilige Modesprache vor, indem er sie nachmachte. Seine Kolumnen zeigten uns inmitten der Kohl-Jahre die Magie des Dämlichen", so Detering. Der lobte weiter, die von Goldt "geformten Wunder des Wohlklanges: Phnom Penher pennt mit Phnom Penherin" und die Chansontexte, die man auch als Gedichte lesen könnte. Mit seinem jüngsten Buch "Räusper" habe sich Goldt der Dramolette des Absurden verschrieben und diese auf beispiellose Art mit dem Comic-Genre verbunden, sagte Detering, Germanistikprofessor an der Universität Göttingen. Goldt sein kein Comedian, sondern ein Schriftsteller, der den Zauber des seitlichen Vorübergehens immer wieder neu definiere: "Es ist höchste Zeit, ihm dafür diesen Göttinger Preis zu verleihen".  

Phnom-Penher pennte mit Phnom-Penherin

Den erhielt Goldt dann von Oberbürgermeister Köhler. Angekündigt hatte den als Moderator Lars Wätzold, der sich selbst als "Grüßaugust" bezeichnetete und mit losem Mundwerk und treffsicheren Kommentaren zur Stadtpolitik und freundlichen Worten an die Elch-Preisträger der Vorjahre und für Harry Rowohlt, den 2015 verstorbenen Elch des Jahres 2001, durch die knapp zweistündige Vormittagsveranstaltung im fast ausverkauften Deutschen Theater führte. Köhler bat er mit den Worten "Wir in Göttingen haben ein Herz für Minderheiten, denn unser OB ist in der SPD" auf die Bühne.

Köhler ging auf für Goldt typische Wortspiele ein, wie Körner gehören ins Brot und nicht obendrauf oder einen Toast auf jemanden auswringen. Typisch Goldt, dessen Werk "von einem Beobachter aus einer Parallelwelt geschaffen zu sein" scheine, wie es die siebenköpfige Jury trefflich formuliert habe, so Köhler. Jurymitglied Hans Zippert, Kolumnist der Welt und einstiger Titanic-Chefredakteur, beruhigte, auch wenn einige Elche schon verstorben seien, so sei der Preis doch "für Menschen, die wir lieben und denen wir ein langes Leben wünschen". Sein Grußwort nahm den Kampf gegen die Brotkruste auf mit Hinweis auf Fuldaer Forscher.

"Sie bekämpfen die Kruste. Denn es sterben mehr 80-Jährige an Brotkrusten als durch Tauchunfälle ums Leben kommen", nutzte er statistische Vergleiche für seine dramatische Beschreibung der Gefahren des Alters. Dazu gehören hartes Brot und defekte Treppenlifte. Wahlprognosen für die SPD wagte Zippert auch. Beschrieb die gestiegene Zustimmung für die Partei nach der Organspende von Frank Walter Steinmeier für seine Ehefrau im Jahr 2010 und spekulierte darüber, wieviel mehr Wählerstimmen die SPD hätte einfahren können, wäre auch Sigmar Gabriel zu einer Organspende bereit gewesen.

Als Max Goldt "zu den Menschen, die wir lieben" als Elch 2016 zählte, dankte er für den Preis und sagte nicht weiter dazu. Nach Saties Ragtime Parade, gespielt von Pianist Cun Mo Yin, ließ Goldt hören, wofür er ausgezeichnet worden ist. Er las seinen Text "Sodbrennen statt Snobismus, ich meine umgekehrt" und machte sich auf seine Weise über Paarvergnügen und die erschreckende Werbung für Seven-In-One-Produkte her. Beides Comicskripts im Dramensatz seines aktuellen Buches "Räusper". Dessen Minidramen liest Goldt mal sich bittersauer echauffierend, dann wieder grob quatschend. Er spricht dezidiert und lässt fein seine Ironie wirken - oder grüne Gülleperlen platzen. Die Liste der Buchtitel von Max Goldt ist lang und bereits ausgezeichnet: Vor dem Göttinger Elch-Preis hat er 2008 den Hugo-Ball-Preis und den Kleist-Preis erhalten. Im Deutschen Theater war das Publikum begeistert von der 19. Verleihung des Göttinger Elch-Preises: der Goldt-Elch nahm das gelassen und ließ sich nicht so gern feiern.  

Satire-Preis seit 1997

Der Göttinger Elch ist Deutschlands einziger Satire-Preis. Künstler, Kabarettisten, Schriftsteller und Schauspieler erhalten ihn für ihr Lebenswerk. 1997 wurde er erstmals verliehen. Eine silberne Elch-Brosche der Göttinger Firma Orfeo-Schmuck sowie 3333,33 Euro (gesponsert vom Göttinger Tageblatt und der VGH Göttingen) gehen in diesem Jahr neben der Ausrichtung einer Preisträger-Veranstaltung an Max Goldt.  

Die Tafel der Elche

1997: Cartoonist Chlodwig Poth (1930-2004)

1999: Zeichner und Schriftsteller Robert Gernhardt (1937-2006)

2000: Kabarettist Gerhard Polt

2001: Kolumnist und Übersetzer Harry Rowohlt (1945-2015)

2002: Karikaturistin Marie Marcks (1922-2014)

2003: Zeichner und Dichter F. W. Bernstein

2004: Kabarettist Emil Steinberger

2005: Komiker Otto Waalkes

2006: Zeichner Hans Traxler

2007: Zeichner und Musiker Ernst Kahl

2008: Volksmusiker und Kabarettisten Biermösl Blosn

2009: Musiker und Filmemacher Helge Schneider

2010: Komödiant Olli Dittrich

2011: Kabarettist Josef Hader

2012: Karikaturistin Franziska Becker

2013: Maler Michael Sowa

2014: Kabarettist Georg Schramm

2015: Zeichner Rudi Hurzlmeier

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Thema des Tages

Göttingen hat einen neuen Elch. Einen, der in Weende aufgewachsen ist: Der diesjährige Preisträger der renommierten Auszeichnung ist Max Goldt. Der Musiker und Autor hat zahlreiche Bücher veröffentlicht. Im März wird ihm der Preis verliehen, die Karten für die Veranstaltung werden verlost.

  • Kommentare
mehr
Die Milchbar im Nörgelbuff