Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 6 ° Sprühregen

Navigation:
Festival der Entdecker

Göttingen Festival der Entdecker

Neues findet man nur im Unbekannten: Das diesjährige 39. Göttinger Jazzfestival öffnete am Freitag und Sonnabend im ausverkauften Deutschen Theater die Türen zu aktuellen und zukünftigen Strömungen im internationalen Jazz.

Voriger Artikel
Auf hohem Niveau tiefer gelegt
Nächster Artikel
Erst federleicht, dann lautstark
Quelle: aib

Göttingen. Selbstbewusst verzichteten die Veranstalter auf allzu viele große Namen. Damit verstärkt sich der Trend, mehr jüngere und noch nicht so etablierte Musiker auf dem Festival zu präsentieren.

Der erste Abend stand ganz im Zeichen des lyrischen Jazz. Den Auftakt machte eine Legende: Oregon mit Ralph Towner, Paul McCandless, Mark Walker und dem neuen Bassisten Paolino Dallo Porta. Das Quartett schuf mit einem eigenen Sound aus klassischer Gitarre/Piano, Englischhorn/Sopransaxophon, Perkussion und Kontrabass eine luftig-leichte Klangschönheit – zeitlos jung und völlig eigenständig in der Jazzszene.


Die poetische Stimmung verstärkte anschließend der junge polnische Violinist Adam Bałdych. Zusammen mit dem Helge Lien Trio reduzierte er die Musik und zelebrierte eine mystische Kraft aus der Stille. Er schuf starke Melodie-Bögen, intonierte feinsinnig und spielte sich in hochvirtuose Soli hinein. Bei ihm verschmolzen Jazz, Folk und Klassik zu einer intuitiven Musik höherer Sphären. Einer der Festival-Höhepunkte: ein ergreifendes Violin-Piano-Duo von „Hallelujah“ des jüngst verstorbenen Leonard Cohen.
Der brasilianische Sänger Ed Motta beschloss den ersten Abend mit Soul. Ähnlich seinem berühmten Sänger-Kollegen Gregory Porter bringt er die Seele zurück in den heutzutage oft artifiziellen Jazz. Ed Motta ist Entertainer, wechselt zwischen fetzigen Soul-Funk-Nummern und herzergreifende Balladen. Bezaubernd: sein unbegleitetes Gesangssolo voller unvorhersehbar witziger Ideen.
Der österreichische Pianist David Helbock kam am Sonnabend mit einem Konzept auf das Festival: Seine Stücke behandelten das Thema Mystik. Dazu passte grundsätzlich sein eher introvertiertes Spiel. Durch den intellektuellen Überbau erstarrte die Musik allerdings zu lebloser Kunst-Attitüde – verstärkt durch das lustlos wirkende Spiel von Raphael Preuschl an der Bass-Ukulele und Drummer Reinhold Schmölzer.
Eine wunderbare Entdeckung kam zum Ausklang des Festivals: Das heißblütige Quintett des israelischen Bassisten Omer Avital – Musik mit der Wucht eines Vulkanausbruchs. Zwei Saxofonisten schraubten sich in eruptiven Solos energetisch hoch. Schlagzeuger, Bassist und Pianist feuerten sie mit trance-artigen Rhythmen und Improvisationen an. Diese rauschhafte Musik hatte etwas Hymnisches und feierte mit ihrer Intensität und Vitalität das Leben. Ein großartiger Abschluss nach zwei gelungenen Tagen Jazz im Deutschen Theater!

Spannend und weltoffen

Eines der spannendsten Projekte des Festivals war im Studio des Deutschen Theaters zu erleben. Die Unibigband „XY JazZ“ unter Leitung von Detlef Landeck spielte Werke des großen Charles Mingus –Musikvisionär des modernen Jazz. Die Musiker interpretierten unter anderem „Haitian Fight Song“, „Tijuana Gift Shop“ und natürlich „Goodbye Pork Pie Hat“.Im DT-Keller und dem Studio gab es wieder viele Stile der Jazzgeschichte: von den Wurzeln aus New Orleans mit den quicklebendigen „New Orleans Syncopators“ über dem Standard-Jazz mit dem Henning Dathe Trio bis zur Musik in Freejazz-Tradition von Ove Volquartz mit seinem neuen fantastischen Hamburger Trio. Erfreulich weltoffen ist die Szene: Die mitreißende Band „Rahalla“ stellte Hossam Shaker mit seiner orientalischen Zither ins Zentrum, das „Earl Mobilé Orquestra“ spielte mit Zitaten aus dem Balkan und „Viaveritsa“ boten Ethnojazz mit Zutaten aus Osteuropa und Gypsy-Jazz. Herausragend zwei Gitarristen: Andreas Düker präsentierte Eigenkompositionen mit „Chimes & Crimes“ und Clemens Boehncke eigene Stücke mit „Ground Effect“. Workaholic des Festivals war der Pianist Gregor Kilian. Er spielte am Freitag immerhin in vier Formationen – und damit fast vier Stunden.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Christian Scott
Christian Scott

Der US-amerikanische Trompeter Christian Scott und sein Band tauchten in ihren eigenen Kosmos ein – ernste, laute, urbane Musik. Der aus New Orleans stammende Musiker führte in die spirituelle Tiefe der afroamerikanischen Musik. Sein Auftritt am Sonnabend war der Höhepunkt des diesjährigen Jazzfestivals.

mehr
Die Milchbar im Nörgelbuff