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Oskar Negt erzählt vom "Überlebensglück"

Literaturherbst Oskar Negt erzählt vom "Überlebensglück"

Als Sozialphilosoph hat Oskar Negt über Arbeit, Gemeinwesen und politische Utopie geschrieben. Im Göttinger Steidl-Verlag ist die Werkausgabe erschienen - und die Autobiografie „Überlebensglück“. Beide stellte der 82-Jährige beim Göttinger Literaturherbst vor.

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Oskar Negt (rechts)

Quelle: jes

Göttingen. Als gesellschaftspolitischer Erklärer und Warner ist Negt bekannt geworden. Vor wenigen Tagen hat er in der Berliner SPD-Zentrale mit anderen Sozialdemokraten über die Gefahren des Rechtspopulismus gesprochen. „Es wäre fatal, wenn die normalen Kanäle der Demokratie, die Wahlen, missbraucht werden, um die Antidemokraten durchzusetzen“, mahnte Negt noch einmal bei der Veranstaltung im Deutschen Theater vor mehr als 400 Gästen. „Deine intellektuelle Kritik ist nicht überbietbar, aber du bist fair“, stellte Gerhard Schröder fest, der neben Moderator Stephan Lohr als Gesprächspartner im zweiten Teil dabei war. Der Alt-Bundeskanzler lobt Negt als Vermittler, der der sozialdemokratischen Politik Impulse gab. Die 20-bändige Werkausgabe gibt die wieder. Sie ist ein schweres Werk: Negt benutzt die kaum noch gebräuchliche Gewichtseinheit, einen Zentner schwer (50 Kilogramm) und schiebt in der ihm eigenen Art verschmitzt nach: „Nun hofft man als Schriftsteller, Philosoph oder so, dass der Inhalt ähnlich schwergewichtig ist.“

Info

Oskar Negt: „Überlebensglück. Eine autobiographische Spurensuche“. Steidl, 320 Seiten, 34 Euro.

Negts Essay „Kälteströme“ machte vor 22 Jahren den Göttinger Verleger Gerhard Steidl auf den Soziologieprofessor aus Hannover aufmerksam. Seitdem erscheinen die Negt-Werke bei Steidl. In diesem Jahr nicht nur die Werkausgabe, sondern auch „Überlebensglück“. Darin schreibt Negt über seine Familie, seine Flucht nach Dänemark mit zwei Schwestern und das Leben im Internierungslager.


DT-Schauspieler Bardo Böhlefeld las aus Negts Erinnerungen: „Es war der 25. Januar 1945. An diesem endete meine Kindheit.“ Negt war zehn Jahre alt - und mit seinem Schwestern Ursel (18) und Margot (17) ohne Eltern im eingeschlossenen Königsberg.
Zweieinhalb Jahre später kam es in Niedersachsen zur Familienzusammenführung. „Du hast ihn aber gut erzogen, sagte meine Mutter zu meiner Schwester Ursel“, erzählt Negt und ein wenig ist ostpreußischer Sprachklang herauszuhören. Die Flucht hat Negt geprägt. Was sie mit Menschen anrichtet, ihnen nimmt, war auch Thema seiner Schriften. Die konkrete Auseinandersetzung aber mit der persönlichen Geschichte lässt ihn spüren, „wie mich die alten Sachen berühren.“ Dass sein Buch „Überlebensglück“ heißt, passt gut. Wohl, weil er, wie etliche seiner Zeitgenossen, das Überleben zu schätzen weiß, kann er das Glück genießen. Unter den beschriebenen Beispielen auch das von der Freiheit des Lernens, die er 1955 als Erstsemester in einem Göttinger Hörsaal empfand.

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