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Göttinger Symphonie-Orchester inszeniert "fantasievollen" Abend

Kultur Göttinger Symphonie-Orchester inszeniert "fantasievollen" Abend

Auf den ersten Blick mag das Programm des Göttinger Symphonie-Orchesters (GSO) am Freitag in der gut besuchten Stadthalle konventionell aussehen. Angekündigt war Musik von Haydn, Debussy und Franck, am Pult stand der Gastdirigent Christoph Gedschold.

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Quelle: Heller

Göttingen. Doch dieser Abend unter dem Motto „Fantasie“ war keineswegs alltäglich. Joseph Haydns „Pariser“ Symphonien, entstanden Mitte der 1780-er Jahre als Auftragswerke für ein Pariser Orchester, sind ausgesprochen selten zu hören. Und Claude Debussys Fantasie für Klavier und Orchester, ein ausgewachsenes Klavierkonzert von höchstem virtuosem Anspruch, ist ebenfalls eine Rarität. Etwas häufiger, aber auch nur alle paar Jahre einmal wird César Francks d-Moll-Symphonie hervorgeholt. Gegen Brahms hat Franck hierzulande kaum eine Chance.

 
Sein musikalisches Kaliber bewies Gedschold, seit dieser Spielzeit Dirigent an der Leipziger Oper, gleich in Haydns Symphonie Nr. 83 auf eindrucksvolle Weise. Er gestaltete die Details mit großer Sorgfalt, überraschte mit wirkungsvollen dynamischen Kontrasten, mit stilsicher gewählten Tempi, mit genauer Klangbalance zwischen den Instrumentengruppen. Die GSO-Musiker folgten ihm mit großem Engagement, zauberten hauchzarte Pianissimo-Passagen, ließen ihr Temperament sprühen und verhalfen Haydns musikalischem Witz zu prächtiger Wirkung.

 
Debussys Fantasie für Klavier und Orchester hatte in der Göttinger Pianistin Julia Bartha – die an der Leipziger Musikhochschule lehrt – eine hervorragende Solistin. Sie meisterte die enormen technischen Herausforderungen im häufig sehr kompakten Klaviersatz mit bewundernswerter Präzision, perlender Geläufigkeit und zupackender Kraft. Dass der Klavierklang bisweilen vom Orchester ein Stück verdeckt wurde, ist nicht Schuld des Dirigenten: Debussy besetzt das Orchester ausgesprochen üppig, eine Zurücknahme der Lautstärke würde die musikalische Struktur unangemessen verändern. Möglicherweise ist das Wissen um dieses klangliche Problem der Grund, weshalb Debussy eine Aufführung dieses dennoch atmosphärisch dichten, spannenden Werkes zu seinen Lebzeiten nicht gewünscht hatte. Der Applaus für Solistin und Orchester, deren Zusammenspiel Gedschold mit feinem Gespür koordinierte, war lautstark. Mit Debussys zartem Prélude „La fille aux cheveux de lin“ bedankte sich Julia Bartha beim Publikum.

 
Gedscholds kluge musikalische Dramaturgie war auch für César Francks d-Moll-Symphonie bestimmend. Gerade dieses affektgeladene Werk verlangt große Kunst in der Gestaltung der hoch aufschäumenden Wogen der Leidenschaften. So konnte die Symphonie ihre Wirkung bezwingend entfalten. In den lang anhaltenden Schlussbeifall mischten sich Bravorufe, und auch die GSO-Musiker spendeten ihrem Pultgast viel Applaus.

 

Von Michael Schäfer

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