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Musik aus Zentralasien

Göttinger Symphonie-Orchester Musik aus Zentralasien

Zentralasien ist auf der Landkarte westlicher Musikhörer ein weißer Fleck. Ganz weit entfernt, fremd. Am Sonntag hat das Göttinger Symphonie-Orchester in der Reihe „Kulturelle Begegnung“ einige Schlaglichter darauf geworfen: mit Musik von Schostakowitsch, Borodin, Chatschaturjan, Knipper und Weprik.

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Quelle: r

Göttingen. Die große Schar Neugieriger füllte das Deutsche Theater fast komplett. Und die Neugier wurde belohnt durch Begegnungen mit faszinierenden, im Wortsinn unerhörten Klängen, auf die – nach einer informativen Einführung durch die GSO-Dramaturgin Inna Klause – Dirigent Christoph-Mathias Mueller jeweils mit kurzen Erläuterungen vorbereitete.

Den Anfang machte Dmitri Schostakowitschs 1963 entstandene Ouvertüre über russische und kirgisische Themen, ein Werk, in dem der Komponist sehr kunstvoll originale kirgisische Volksmelodien mit einem russischen Wanderlied verknüpft. Auf ähnliche Weise ging bereits 1880 der russische Romantiker Alexander Borodin vor, der eine (erfundene) Melodie in orientalischem Stil mit einer russischen Weise verbindet. Das hat zwar nur einen kleinen östlichen Touch, aber die Schönheit der Melodien – vor allem das betörende Solo des Englischhorns (sehr ausdrucksvoll: Viorel Bindila) – bezaubert intensiv.

Raumfüllend und kraftvoll

Neuland betrat das GSO mit den drei Konzertarien für hohe Stimme und Orchester nach Worten armenischer Dichter, die der Georgier Aram Chatschaturjan 1947 geschrieben hat und die erst 2015 erstmals in Deutschland zu hören waren. Für den Solopart hatte Mueller die derzeitige Primadonna des Minsker Opernhauses engagiert, die Sopranistin Anastasija Moskvina. Sie gestaltete diese vielfach hochdramatischen Stücke, in die auch kleinere lyrische Abschnitte eingelassen sind, mit einer derart raumfüllenden, überaus kraftvollen Stimme, dass der DT-Saal fast ein wenig zu klein schien.

Aufführung

Dem Schaffen von Alexander Weprik (1899-1958) widmet das GSO ein Sonderkonzert am Sonnabend, 2. September, um 19.45 Uhr in der Stadthalle. Der Abend steht unter dem Motto „Dem Vergessen entrissen“. Geplant ist eine CD-Aufnahme, für deren Finanzierung das GSO Sponsoren sucht.

Mueller brauchte sein GSO in keiner Weise zu zügeln: Auch gegen ein blechbläsergepanzertes Tutti-Fortissimo konnte sich Moskvina ohne Mühe durchsetzen. Die östlichen Farbwerte hat Chatschaturjan durch eine farbenreiche Instrumentation herausgekehrt, was Mueller mit seinen glänzend disponierten Musikern detailreich und mit großer rhythmischer Spannung nachzeichnete.

Vertraute Klänge

Noch tiefer in den Ton der Volksmusik dieser Region taucht Lew Knipper in seiner 1932 komponierten tadschikischen Suite „Wantsch“ ein. Zum einen fügt er dem westlichen Instrumentarium eines Symphonieorchesters Schlaginstrumente hinzu, die in Tadschikistan  gebräuchlich sind. Und zum anderen lässt er ein Violinsolo (hochvirtuos: Seayoung Kim) mit einer besonderen Spielvorschrift so spielen, dass es dem Klang eines tadschikischen Streichinstruments nahe kommt. Das ergibt eine sehr effektvolle Musik – und die anfänglich fremden Klänge werden im Verlauf der sechs Sätze zunehmend vertrauter.

Den Schluss bildete die Suite über kirgisische Themen des russischen Komponisten Alexander Weprik aus dem Jahr 1950, ein klanglich gemäßigteres, aber ebenso faszinierendes Werk eines Musikers, der in der Sowjetunion zur Zeit Stalins verfemt wurde. Der begeisterte Applaus galt nicht allein den eindrucksvollen Leistungen der Musiker, sondern auch dem mutigen Konzept dieser Konzertreihe, mit der das GSO den musikalischen Horizont seiner Zuhörer erweitert.

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