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Göttinger Symphonie-Orchester überzeugt mit wagemutigem Programm

Seltenheiten von Martinů und Ives Göttinger Symphonie-Orchester überzeugt mit wagemutigem Programm

Bachs D-Dur-Ouvertüre  hat das Konzert des Göttinger Symphonie-Orchesters (GSO) am Freitag in der Stadthalle  eröffnet. Das war das einzige populäre Werk des Abends. Die beiden anderen Kompositionen waren Repertoire-Seltenheiten: das Konzert für Streichquartett und Orchester von Bohuslav Martinů und die zweite Symphonie des amerikanischen Komponisten Charles Ives.

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Kultivierter Genuss: das Göttinger Symphonie-Orchester unter der Leitung des Gastdirigenten Svetoslav Borisov.

Quelle: Vetter

Göttingen. Ein wagemutiges Programm, keine Frage. Aber Mut kann zum Glück auch belohnt werden. Das zeigte sich an diesem Abend zum einen durch die erfreulich hohe Besucherzahl, zum anderen durch den einhelligen Erfolg, den die unbekannten Werke beim Publikum erzielten.

Das ist nicht nur eine Frage der Programmgestaltung, sondern auch abhängig von der musikalischen Qualität. Und die stimmte ebenfalls. Gleich in der Bach-Ouvertüre bewies der aus Bulgarien stammende, derzeit in Bochum und an der Oper Varna wirkende Gastdirigent Svetoslav Borisov, dass er ausgesprochen klare Vorstellungen in Sachen Tongebung und Transparenz mitbringt. Ganz schlank war der Streicherklang, orientiert an historischer Aufführungspraxis, der Sound der modernen Trompeten strahlend, aber nicht dominierend, die Artikulation ausgearbeitet, der Gestus tänzerisch: ein kultivierter Genuss.

Dazu stand das Konzert für Streichquartett und Orchester von Bohuslav Martinů in einer unerwarteten Verwandtschaftsbeziehung. Denn Martinů hat sich in seinem Konzert eindeutig am Vorbild des barocken Concerto grosso orientiert, er bietet in den raschen Ecksätzen eine vorwärtsdrängende, aber immer abwechslungsreiche Motorik und gewinnt der Gegenüberstellung des Streichquartetts als Solo-Gruppe mit dem farbigen Tuttiklang überraschende Reize ab. Der langsame Mittelsatz wirkt wie eine Insel konzentrierter Expressivität.

Der Solopart war mit dem vielfach preisgekrönten Leipziger Streichquartett besetzt. Die vier Streicher engagierten sich mit Verve, konnten klanglich mühelos dem Tutti Paroli bieten und sorgten allerorten für wunderbar intensive, spannungsreiche Momente. Ihr Ausdrucksreichtum im Adagio war geradezu atemberaubend. Borisov hielt Quartett und Tutti perfekt zusammen, der Beifall brauste dementsprechend lautstark.

Und dann die finale Überraschung: Charles Ives’ patriotische Hymne an Amerika, die nirgends martialisch auftrumpft, sondern mit Zitaten aus der Folklore immer wieder ganz entspannt-fröhlich einherkommt. Dieses breit ausgemalte Porträt einer jungen Nation wärmt die Herzen. Und dass der Komponist überdies gleichsam den Atlantik überspannt, wenn er seine Verbundenheit mit der Musik Europas ebenfalls zitierend dokumentiert, macht die Sache besonders sympathisch. Wobei die musikalischen Zitate nicht grell als fremde Zutat herausleuchten, sondern immer in den Fluss von Ives’ eigenen Gedanken integriert sind. Das ist eine ganz besondere Kunst – die nichts, aber auch gar nichts mit Diebstahl geistigen Eigentums zu tun hat.

Die GSO-Musiker legten sich unter der souveränen Führung ihres   Gastdirigenten mächtig ins Zeug und wurden von den Zuhörern mit langanhaltendem Applaus bedacht. Ein überaus spannender Abend mit neuen Begegnungen.

Nächster GSO-Termin: drittes Konzert im Zyklus „Wiener Klassik“ am Donnerstag, 30. April, um 19.45 in der  Aula der Universität.

Von Michael Schäfer

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