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"Götz & Meyer" auf Schreckenstour im Göttinger Lumière

Erinnerung an Novemberpogrome "Götz & Meyer" auf Schreckenstour im Göttinger Lumière

Die Geschichte zweier unbedarfter Unteroffiziere der SS im Nationalsozialismus: „Götz & Meyer“. Ihre Geschichte wurde am Freitag im Göttinger Lumière zum Jahrestag des Novemberpogroms 1938 in einer szenischen Lesung dargestellt.

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Quelle: PH

„Manchmal stelle ich mir vor, dass ich statt in einen Lastwagen in einen Jagdbomber steige“, sagt Götz (Jörg Pohl), Fahrer eines großen LKW Typ „Saurer“, einmal auf einer der täglichen Fahrten von Belgrad ins wenige Kilometer entfernte Jajinci. Er und sein Beifahrer Meyer (Denis Moschito) haben sich viel und gleichzeitig nichts zu erzählen. Für sie ist es alltägliche Routine, kurz nach Antritt der Fahrt noch einmal anzuhalten, um mechanische Vorkehrungen zu treffen. Damit leiten sie die Abgase aus dem Auspuff des LKW direkt zu ihrer „Ladung“, rund 100 Menschen, um sie zu ersticken. Am Zielort angekommen, tragen serbische Kriegsgefangene die Leichen der Juden fort, bevor auch sie erschossen werden.
„Götz und Meyer fahren. Das ist ihre Aufgabe. Es ist ihnen völlig egal, ob sie Juden oder Zuckerrüben transportieren“, erfährt man von der Erzählfigur (gelesen von Pheline Roggan).

Gerade darin liegt die inhaltliche und schauspielerische Brillanz des Stückes, das auf einem Roman von David Albahari baisert. . Es gibt keine Spur von trübseligen Gedanken angesichts der Gräueltaten, die Götz und Meyer als Teil eines hoch bürokratisch und effizient organisierten Systems des Mordens tagtäglich vollbringen.

Der Appetit vergeht den beiden nur, wenn der Proviant nicht schmeckt oder die Routine unterbrochen wird. „Da hat uns Gott aber wirklich verlassen“, jammert Götz, als dem von beiden Männern innig geliebten Saurer die Achse bricht.

So nüchtern und unbeeindruckt die zwei ihrer Arbeit nachgehen, so eindringlich und berührend kommt der Erzähler daher. Der Belgrader Lehrer spricht von „Seelen“, nicht, wie die beiden Fahrer, von „Ladung". Der Lehrer sitzt an einem kleinen Tisch. Er ist Hinterbliebener, dessen Verwandte die SS umgebracht hat.

Zunächst als Leserin des Romans Albaharis, später als Verkörperung des Erzählers konfrontiert Schauspielerin Roggan das Publikum mit Geschehnissen jener Tage, die der Lehrer recherchiert hat. Dabei kontrastiert sie die scheinbare Rationalität, die aus nüchternen Nazi-Dokumenten hervorgeht, mit den Gefühlen des Erzählers, mit philosophischen Gedanken über das Böse in jedem Menschen.

Zynismus, Mitleid, Wut - all diese Emotionen kann Roggan ins bloße Lesen der vor ihr liegenden Zeilen legen. Immer wieder schaut sie dabei ins Publikum, wissend, warnend. Pohl und Moschito, neben ihr in einer Fahrerhaus-Attrappe sitzend, liefern in ihrer Banalität tragische Dialoge, die die Quintessenz der Grausamkeit dieser Geschichte exemplifiziert: Niemand fühlt sich schuldig, es gibt nichts Böses im alltäglichen Tun.

Das Trio liefert auf der Bühne eine 80-minütige Vorstellung, eine künstlerische Art der Erinnerung, die wahrlich bewegt, im Kopf bleibt und von den Zuschauern mit starkem Applaus gewürdigt wird. Das Bündnis Redical M veranstaltete in Kooperation mit der Gewerkschaft Verdi Göttingen, der Rosa-Luxemburg-Stiftung und dem Göttinger Theaterkeller die Lesung.

Von Katharin Kilburger

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