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Großartig inszeniert: Der Untertan

Deutsches Theater Göttingen Großartig inszeniert: Der Untertan

Entscheiden Sie! Sollen die Mächtigen ihr Kritiker mit Strafanzeigen mundtot machen? Sollen Opportunisten in der Gesellschaft den Ton angeben? Mit diesen Fragen entlässt die großartige Inszenierung von Heinrich Manns „Der Untertan“, die Sonnabend im Deutschen Theater in Göttingen Premiere feierte, das Publikum.

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Benjamin Kempf und Benedikt Kauff

Quelle: Müller

Göttingen. Dass die Bearbeitung eines 100 Jahre alten Romans derart tagesaktuell sein kann! Mit Anzeigen wegen Majestatätsbeleidigung bringen im Stück stramm nationalistische Anhänger des deutschen Kaisers Wilhelm II. die liberalen, auf sozialen Ausgleich bedachten Honoratioren einer Kleinstadt zum Schweigen.

Höchst egoistisch

So bekommen sie freie Hand, um ihr politisches Programm durchzusetzen, die Gesellschaft zu militarisieren, Arbeitnehmerrechte zu beschneiden und Lippenbekenntnisse zu einer bigotten Religiösität einzufordern. Und nebenbei verfolgen sie höchst egoistisch ihre persönlichen Interessen. Besser lässt sich die aktuelle Debatte, um die Empfindsamkeiten des autoritären, türkischen Präsidenten kaum kommentieren.

Wunderbar setzt Regisseur Theo Fransz Manns Psychogramm des nach oben buckelnden und nach unten tretenden Untertans in Szene. Benedikt Kauff spielt den selbstherrlichen Diederich Heßling, der ängstlich und devot vor den Mächtigen kuscht und gegenüber Schwächeren seine Macht auskostet, unglaublich überzeugend.

Ungeheure Präzision

Auch die anderen drei Schauspieler, Andreas Jeßing, Benjamin Kempf und Andrea Strube, leisten Phantastisches. Mit ungeheurer Präsenz schlüpfen sie in die zahlreichen Rollen des Stücks. Wie Heßling tragen auch sie das ganze Stück über zum weißen Hemd die schwarze Weste und den Gehrock. Nur ein paar Requisiten, Zwicker und Zigarre etwa, illustrieren, wen sie gerade spielen. Aber nie gerät das Publikum durcheinander.

Psychologisch interessant ist Heßlings Liebesaffäre mit einer Bürgertochter, von Strube wunderbar gespielt. Kurzzeitig öffnet sich der Opportunist, zeigt weiche Seiten. Doch das verunsichert ihn. Zudem sieht er den finanziellen und gesellschaftlichen Nutzen der Partie nicht. So lässt er die junge Frau am Ende auf schäbige Weise sitzen und schwingt gleichzeitig hohle, moralische Phrasen.

Nächste Termine

Die nächsten Vorstellungen von "Der Untertan" im Deutschen Theater, Theaterplatz 11, in Göttingen um 20 Uhr am 23. April, am 10., 18. und 27. Mai. 

Minimalistisch ist die Bühne ausgestattet (Bühne und Kostüme: Bettina Weller). Ein gigantischer Bilderrahmen mit Preußenadler findet vielseitige Verwendung. Wie in einem Scherenschnitt ist der Schatten von Heßlings schlagendem Vater, einem Papierfabrikanten, zu sehen. Später flimmern Bilder des hektischen Treibens in der Großstadt Berlin über die Leinwand. Dort studiert der junge Heßling Chemie. Auch den Kaiser gibt es in herrischen Posen zu bewundern. Heßling fällt vor ihm auf die Knie. Soll es nur einer wagen, ihn zu beleidigen!

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