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Große Ruine schrumpft in Bad Hersfeld zu kleinem „Cabaret“

Festspiele Große Ruine schrumpft in Bad Hersfeld zu kleinem „Cabaret“

Laszive Tänzerinnen in Reizwäsche vollführen ein frivoles Treiben auf der Bühne. Die Lust auf Amüsement ist spürbar, ebenso wie Sehnsüchte und Lebensträume. Die Musical-Premiere von „Cabaret“ ist geprägt von Sex-Appeal, glamouröser Unterhaltung, aber auch politischem Zeitgeschehen.

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Die Schauspielerin Helen Schneider steht als Conferenciers im Musical „Cabaret“ auf der Bühne an der Stiftsruine.

Quelle: dpa

Bad Hersfeld. Bei der vierten Premiere der Bad Hersfelder Festspiele unter Führung des neuen Intendanten Dieter Wedel sind die Besucher am Freitagabend auf ihre Kosten gekommen. 1200 Zuschauer belohnten die Inszenierung bei dem Freilicht-Theaterfestival mit tosendem Applaus. Vater des Erfolges ist Regisseur Gil Mehmert. Er hatte das Stück bereits im Vorjahr mit Vorgänger-Intendant Holk Freytag geplant. Zuletzt brachte Mehmert in Hamburg das Musical „Das Wunder von Bern“ erfolgreich auf die Bühne. Und auch in Bad Hersfeld beweist der Folkwang-Professor Klasse und ein Gespür für die richtige Mischung. Seine rund zweistündige Fassung macht er zu einer bildstarken, ideenreichen und stimmungsvollen Inszenierung.

 
Zur Kurzweil trägt neben viel Kreativität in den Details und einem hochkarätigen Ensemble auch die Drehbühne bei, die Dynamik und Fokussierung ermöglicht. Auf dem kreisrunden Teller pulsiert das zuweilen ungezügelte Leben im Berlin der frühen 1930er Jahre. Mehmert und seine Bühnenbildnerin Heike Meixner präsentieren auf der einen Seite eine kleine Pension, in der die Protagonisten leben und lieben. Auf der anderen Seite des Berlin-Karussells befindet sich der Sündenpfuhl, der verruchte „Kit Kat Klub“. Dort ist die schillernde Nachtklub-Sängerin Sally Bowles der Star. Bettina Mönch spielt sie bei ihrer Hersfeld-Premiere hinreißend. Für die attraktive Darstellung und stimmgewaltige Soli bekommt sie wiederholt Szenenapplaus. „Bei dieser Rolle kann man aus dem Vollen schöpfen.

 
Es ist alles dabei: lustig, verrückt, am Schluss hochdramatisch - das ist schon ein Geschenk“, sagt Mönch der Deutschen Presse-Agentur. Die Nightlife-Motte lernt in Berlin den Schriftsteller Cliff Bradshaw kennen - und lieben. Rasmus Borkowski verkörpert den Part überzeugend. Herausragend wirkt die Leistung von Helen Schneider, die als Conférencier durch das Geschehen führt. In weiteren Rollen glänzen Judy Winter und Helmut Baumann als anrührendes Paar, dem das große Glück aber wegen der Hetze gegen die Juden nicht vergönnt ist. „Mir hat auch die Politisierung des Stoffes sehr gefallen“, lobte Intendant Wedel nach der Premiere, der vierten in dieser Saison. Mehmert zeigt, wie die Nazis zunehmend an Einfluss in der deutschen Hauptstadt gewinnen und die jüdische Bevölkerung verfolgen.

 
Der Regisseur sieht in „Cabaret“ Bezüge zur Gegenwart: „Anderen Kulturen mit Ablehnung, Misstrauen und sogar Zerstörung zu begegnen, ist leider weiter ein höchst aktuelles Thema.“ Das Kostümbild gefiel ebenso wie das Orchester unter der musikalischen Leitung von Christof Wohlleben. Gespielt wurden nicht nur die aus dem Musical bekannten Lieder, sondern auch die für den Film komponierten Nummern. Berühmte Songs wie „Willkommen“, „Two ladies“, „Maybe this time“ und „Money, money“ sorgten bei den Zuschauern für Stimmung. Auch „Mein Herr“ trug die deutliche Handschrift von Regisseur Mehmert: Die Tänzer traten dabei buchstäblich halb als Mann und halb als Frau auf - die eine Körperseite feminin geschminkt und gekleidet, die andere maskulin. Ein Hingucker.

Von Jörn Perske

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