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Gruppenausstellung „Moment!“ des Kunstvereins Göttingen im Alten Rathaus

Rasante Ewigkeit Gruppenausstellung „Moment!“ des Kunstvereins Göttingen im Alten Rathaus

Diskussionen um Denkmäler wie Robert Gernhardts Kragenbär oder der von Christiane Möbus entworfene Sockel, haben den Kunstverein Göttingen zu einer thematisch gebündelten Gruppenausstellung angeregt. Unter dem Titel „Moment!“ hat die Gastkuratorin Kordula Fritze-Srbic nun verschiedene, auch international namhafte künstlerische Positionen vereint, die sich mit Denkmälern, Erinnerungskultur und Geschichtsschreibung auseinandersetzen.

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Ausstellung vereint künstlerische Positionen, die sich mit Denkmälern, Erinnerungskultur und Geschichtsschreibung auseinandersetzen.

Quelle: PH

Göttingen. Schon zu Lebzeiten ein Denkmal zu sein, gelingt den wenigsten. Möbus hat gute Chancen, sich zumindest auf dem Sockel ihres Denkmals für die Göttinger Sieben zu verewigen. Dass Denkmäler immer von den Diskursen der Zeit, in der sie gesetzt, errichtet und enthüllt werden, bestimmt sind und diese zugleich im Rückbezug mitbestimmen, hat sich in Göttingen im vergangenen Jahr mehrfach gezeigt.

Dabei geht es Fritze-Srbic, aber auch dem Gros der Künstler, weniger darum, eine deutliche Position zu beziehen, denn um eine Sammlung, eine Plattform, die aufzeigt, wo gerade einige Zweige der Diskurse um Macht, Rezeption und Öffentlichkeit verlaufen.

Was wiegt die Erinnerung? Diese Frage stellt der Videokünstler, Performer, ehemalige Göttinger und Leiter der nächsten Manifesta, Christian Jankowski, mit großformatigen Fotografien von Gewichthebern, die nicht schlecht prusten, wenn sie Willy Brandt in Stein oder Ludwik Waryński als Warschauer Monument in die Höhe stemmen.

So umsichtig geht Timm Ulrichs in seinem Entwurf zu einem „Denkmal der gestürzten Denkmäler“ nicht mit den Büsten von Marx, Engels oder sozialistischen Herrschern und Denkern um. Aufgehäuft und eingesperrt in einen Gitterkäfig, vielleicht ein Laufstall, verbleiben sie sichtbar und anscheinend doch mundtot gemacht: entsorgt wie alte Zöpfe, verschlissene Köpfe.

Dass Denkmäler aber auch manchmal gut gepflegt werden, die nicht mehr ganz in den Geist der Zeit passen, zeigt das sowjetische Ehrenmal im Treptower Park in Berlin. Seine Pflege wurde bereits im Zwei-plus-Vier-Vertrag, der den Weg zur Wiedervereinigung Deutschlands legte, geregelt und funktioniert seitdem tadellos. Nun hat die brasilianische Künstlerin Carla Zaccagnini den zugehörigen Sarkophagen per Frottage Bilder von Explosionen, Krieg und Zerstörung abgenommen, die in ihrer Vereinzelung im Bilderrahmen beinahe sakralen Charakter bekommen, vielmehr Licht und Wolken zu symbolisieren scheinen.

Dass neben berühmten oder auch berüchtigten Männern oft eine Frau stand, für die es, außer im Sozialismus, meist ­keine Denkmäler gibt, prangert die Arbeit von Anetta Mona Chisa mit einer klassisch feministischen Position an. Als Zeichen für nicht gesehene Frauen können aus der Ausstellung Kletterpflanzen mitgenommen werden, die dann neben ein ­Monument gepflanzt werden sollen.

Und Christiane Möbus? Mit einer Kletterpflanze allein wäre sie nicht zufrieden. Obschon sie 1993 den Niedersächsischen Staatspreis für Kultur erhielt, steht jetzt wohl eher eine Abrechnung an. Das halb abgerissene Autobahn-Rasthaus Helmstedt Süd, kurz vor der ehemaligen Grenze, hat sie 1990 fotografiert.

Es heißt jeden Besucher herzlich Willkommen, kann dies aber längst nicht mehr einlösen – darunter steht, von Möbus auf hochglänzenden roten Grund gesetzt:  Niedersachsen. Ein neu zusammengesetzter Moment, der Erinnerung und Geschichte ist und dessen Auswahl zugleich eine ganz gezielte Aussage für diesen Augenblick trifft.

Die Ausstellung ist dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr im Alten Rathaus in Göttingen, Markt 9, bis zum 3. Mai zu sehen.

Von Tina Lüers

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