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Seelenschau einer verfolgten Minderheit

„Gypsies: Roma in Europa“ im JT Seelenschau einer verfolgten Minderheit

Zwischenapplaus gibt es nur einmal, als Ursula Hobmair Alexandras „Zigeunerjunge“ schmettert. Auch das ist bezeichnend. Und möglicherweise einer der „blinden Flecken“ beim Umgang mit Stereotypen, die die Werkgruppe 2 in ihrem Gastspiel „Gypsies: Roma in Europa“ im Jungen Theater auch aufzeigen wollte.

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Szene aus dem Theaterstück

Quelle: r

Göttingen. Zwischen romantischer Verklärung in der Popkultur und gesellschaftlicher Wirklichkeit, bunten Wagen am Lagerfeuer und von Rattenplagen heimgesuchten Caravans liegen Welten. Schmerzhaft deutlich wird das in der jüngsten Produktion der Werkgruppe 2, die sich nach Prostituierten und polnischen Putzfrauen der größten europäischen Minderheit angenommen hat.

Ein Jahr lang war die Gruppe auf Recherchereise, hat Interviews mit Roma-Familien in Rumänien, Frankreich und Deutschland geführt. Auf denen baut ihr dokumentatorisches Stück mit Schauspielern aus den drei Ländern auf. Gesteigert wird die bisweilen beklemmende Seelenschau von zwei Roma-Musikern, die virtuos mit Violine und Akkordeon agieren.

Leicht macht es die Gruppe um die aus Rosdorf stammende Regisseurin Julia Roesler den Zuschauern nicht. Die mehrsprachige Aufführung beginnt mit einem wütenden Wortschwall auf Rumänisch, die „Untertitel“-Einblendungen über der Bühne lassen den Blick immer wieder nach oben schweifen. Einziges Requisit ist ein in einen Holzrahmen eingespanntes Laken, auf dem Videosequenzen eingeblendet werden, bis es sich als Tränentuch auflöst.

Sesshafte und Nicht-Sesshafte, Staatsbürger und Staatenlose lässt das Ensemble zu Wort kommen - Einzelschicksale, die zu Herzen gehen. In Rumänien stehen Elend und Armut im Vordergrund, in Frankreich die Wohnsituation im Camps zwischen Autobahn und Vorstädten, in Deutschland Arbeitserlaubnis und Asylverfahren. „Wenn jemand bettelt, dann bettelt er, um etwas zum Essen zu kriegen“, heißt es in einer Interviewszene, „Wir werden überall verurteilt, haben uns an schlechte und rassistische Witze gewöhnt“, in einer anderen: „Es ist die Freiheit, die Angst macht.“

Über allem schwebt die Frage, wie Stereotype überwunden werden können - in einer Zeit, in der der Antiziganismus wieder zunimmt. Klischees, Verfolgung, Gewalt- und Ausgrenzungserfahrungen gehören zum Alltag einer Volksgruppe, über die im Programmheft steht: „Vielleicht ist das einzige, was alle Roma wirklich eint, die Erinnerung an eine permanente jahrhundertealte Diskriminierung und den Völkermord der NS-Zeit.“

In dem anstrengenden und zum Nachdenken anregenden Doku-Theaterstück fallen auch Worte, die zeigen, dass viele Roma europäischer denken als die Majoritäten, die sie ausgrenzen: „Europa ist ein Land, ein Kontinent. Also ist ganz Europa mein Zuhause. Der Brexit ist ein großer Fehler.“

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